Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Detailierter Bericht vom 5. Juli 1963 von Hausvater Diakon Artur Kalus – "Haus Neuwerk" –
an die Anstaltsleitung der Anstalt Freistatt im Wietingsmoor
("Moorkanzlei"),
betreffend einer Entweichung des Martin Mitchell während eines Zahnarztbesuches,
seiner erneuten Gefangennahme, und der daraus entstehenden Folgen für ihn.


Haus Neuwerk [ im Areal der Anstalt Freistatt, bestehend aus vier Häusern, bzw. Gruppen ]

Freistatt, den 5. Juli 1963


An die
K a n z l e i . [ Moorkanzlei Freistatt ]

[ ANSTALT FREISTATT
im Verband der Anstalt Bethel

2839 FREISTATT
über Sulingen
Niedersachsen
Bundesrepublik Deutschland
]



Betr.
: Entweichung von Martin [ M i t c h e l l ] , geb. 28.7.1946
und Martin K[ . . . . . . ] , geb. 30.3.63

Am Donnerstag, 4.7.63, meldeten sich die beiden Obengenannten und
baten, zum Zahnarzt gehen zu dürfen. Insgesamt wurden sechs Jungen durch
einen Erzieher zum Zahnarzt [im Dorf] geführt. Auf dem Rückweg vom Zahn-
arzt in unser Haus [Neuwerk] entwich Martin [Mitchell] in Richtung Kirche.
Hinterhergeschickte Jungen konnten ihn nicht einholen. Martin K[.....],
der [Mitchell] anfänglich verfolgte, schloß sich ihm später an. Die
Suche nach den Beiden war den ganzen Tag über erfolglos. Aufgrund
eines Anrufes konnten [Mitchell] und K[.....] gegen 21.30 Uhr in Sulingen
gestellt werden.

K[.....] ließ sich, nachdem er das Aussichtslose einer nochmaligen
Entweichung eingesehen hatte, ohne Widerstand nach Hause führen
[bzw. ins "Haus Neuwerk", in unserer Anstalt Freistatt zurückbringen].

[Mitchell], der in ein Erdbeerfeld gelaufen war, wehrte sich, indem er
um sich schlug und biß
. Bei dem Handgemenge [mit 2 "Vertrauensbur-
schen", die ich in meinem Auto aus Freistatt mitgebracht hatte] muß er erheb-
liche Schläge an den Kopf bekommen haben
. Dies hatte sich bereits abge-
spielt, bevor ich dazukam. Ich sah [Mitchell] bei der Tankstelle Stöver
liegen. Er wiedersetzte sich mir zu folgen. Er brüllte und stram-
pelte; der Versuch, ihn hochzuheben und ins Auto zu bringen, schei-
terte. Er schrie wie ein wildes Kind, welches nicht mehr weiß,
warum es schreit. Auch dem Zuspruch und dem Zugriff der Polizei-
beamten, die [von einigen Passanten, die von dieser Verprügelung sehr beun-ruhigt waren] herbeigerufen worden waren, leistete er Widerstand,
schlug um sich und biß. Dabei wußte er überhaupt nicht mehr, wer
sich jeweils mit ihm befaßte. Da ein Auflauf entstand, trugen wir
[Mitchell] in die Wagenwaschhalle der Tankstelle Stöver. Auch hier än-
derte [Mitchell] sein Verhalten nicht. Als Durchschütteln ihn nicht
beruhigte, haben wir ihn mit Wasser bespritzt. Dann nahmen ihn die
Polizeibeamten mit zur Wache. Als ich mit meinem Wagen dort ankam
und ihn nun übernehmen wollte, kam es wieder mit ihm zu einer Bal-
gerei
, bei der sich 4 Personen einsetzen mußten. Es blieb den
Polizeibeamten nichts anderes übrig, als ihn anzuschließen. Nun ging
[Mitchell] mit in den Wagen und ließ sich ohne weiteren Widerstand nach
Hause führen [bzw. in die 20km entfernte Anstalt Freistatt zurückbringen].
[Nach Ankunft in "Haus Neuwerk":] Hier verhielt er sich wieder renitent, so
daß er von mir ein paar Backenstreiche erhielt.

Auch K[.....], der sich widersetzlich zeigte, bekam einige Backen-
streiche. Beide Jungen sind z. Zt. in Besinnungsstübchen untergebracht.
Berichte der Jungen [die ich sie genötigt habe zu schreiben] sind beigefügt.

Nachschrift:
Beiliegenden [Luftpost]Brief des Vaters von [Mitchell]
[hier eingegegangen aus Australien, und adressiert an den Empfänger Mitchell] händigen wir ihm nicht aus, da er geeignet ist, ihn [Mitchell] erneut zu
den bisher angestellten Eskapaden
zu veranlassen. Wir bitten um Weiter-
gabe an das Landesjugendamt Berlin.





K a l u s
([Diakon] [Artur] Kalus)
Hausvater
[ "Haus Neuwerk" ]


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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 30. Mai 2006 ]