Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Zweiseitiger psychologischer Bericht erstattet in West-Belin am 17. Juli 1961,
von Diplom Psychologe Herrn Albert Tamborini betreffend den Jugendlichen Martin Mitchell,
nachdem gegen diesen am 14. Juli 1961 ein Strafverfahren wegen Fahrraddiebstahl,
wegen mangelnder Verantwortungsreife, im Jugendgericht eingestellt worden war.
Zu seiner "Förderung" wurde zur gleichen Zeit vom Landesjugendamt Berlin die
"Fürsorgeerziehung" für Martin Mitchell beantragt, und vom Gericht angeordnet.

Der Senator für Jugend und Sport
Jugendhof
Med.-u.-Psychol.-Abteilung
Berlin-Schlachtensee
Potsdammer Chaussee 87
(Eingang Benschallee 2)
Fernruf: 84 30 06



Berlin, den 17.7.61
Ta/Ma


V e r m e r k

Betr:
Martin [ M i t c h e l l ] , geb. 28.7.1946

Für den o. g. Jugendlichen fand am 14.7.61 Hauptverhandlungs-
termin beim Jugendgericht Tiergarten statt.

Martin war geständig, für sich und seinen Bruder zwei Fahr-
räder gestohlen zu haben. Mit diesen Rädern wollten die beiden
Jungen nach Halle zu einer Tante fahren, da sie es zu Hause
nicht mehr aushielten.

Außerdem wurde Martin der Diebstahl von Mauersteinen vorge-
worfen, den er jedoch nicht eingestand.

Als Zeuge war ein 17jähriger Junge aus der Nachbarschaft ge-
laden, der mit großer Bestimmtheit behauptete, Martin gesehen
zu haben, wie er die Mauersteine in unmittelbarer Nähe des
Wohngrundstückes von einer Baustelle entwendete.

Martin wirkte in der Verhandlung sehr aufgeregt, versuchte
aber, seine Aufregung und sein Weinen zu unterdrücken. Der
Vater war nicht zur Hauptverhandlung erschienen, stattdessen
war die 16jährige Schwester Adelheid, ein zierliches, noch
sehr kindliches Mädchen, anwesend.

Das Gutachten [
von mir] wurde im Sinne der schriftlichen Fixierung
vom 4. Juli 1961 erstattet. Ich stützte mich dabei zusätzlich
auf die Eindrücke, die bei dem Hausbesuch am 4.7.61 gewonnen
wurden. Von der Stiefmutter sind dabei die Angaben des Jungen
über seinen Vater in vollem Umfange bestätigt worden. Frau
[Mitchell] erklärte, daß die Kinder im Grunde keine richtige Kind-
heit gehabt haben. Stets habe der Vater Arbeitsleistungen von
seinen Kindern verlangt und ihnen kaum Gelegenheit zu spiele-
rischer Betätigung gegeben. Frau [Mitchell] beschreibt ihren Mann
als einen launischen, egoistischen, rechthaberischen Menschen,
dem man es niemals recht machen könne. Wenn der 13jährige
Peter aus der Schule komme, habe er sich umzuziehen und im
Garten zu arbeiten. Die von der Schule vorgeschlagene Umschulung
in die OTZ [
Oberschule Technische Zweig] wird von dem Vater abge-
lehnt, da er kein Interesse daran habe, daß seine Kinder länger als un-
bedingt nötig zur Schule gingen. Herr [Mitchell] habe Martin auch schon
nackend ausgezogen und im Keller mit der Peitsche traktiert.
Frau [Mitchell], die darum bat, daß der Hausbesuch nicht dem Vater
zur Kenntnis komme und die alle ihre Angaben vertraulich be-
handelt wissen will, hat selbst oft erwogen, sich von Herrn
[Mitchell] zu trennen, wegen der jüngeren Kinder habe sie jedoch
immer wieder ausgehalten. Sowohl Martin als auch Peter und
Adelheid wären nach Meinung von Frau [Mitchell] überall besser auf-
gehoben als zu Hause.

Aus der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas, der auch Frau
[Mitchell] angehört, ist der Vater nach ihren Angaben ausgeschlos-
sen worden, da er trotz entsprechender Aufforderungen seitens
der Gemeinde seine Lebenseinstellung und seine Haltung zur
Familie nicht änderte. Er soll inzwischen von einer anderen
Ortsgruppe aufgenommen worden sein.

Während der [
Gerichts]Verhandlung entstand der Eindruck, daß Martin
schon des öffteren zum Diebstahl von Baumaterialien
angehalten worden war. Einen derartigen Verdacht sprachen
auch die anwesenden Zeugen und der bestohlene Bauherr aus.
Unter Hinweiss auf diesen Verdacht will dieser jetzt Straf-
antrag gegen Herrn [Mitchell] stellen.

Martin [Mitchell] bat von sich aus, nicht wieder nach Hause zu
müssen und auch die 16jährige Adelheid unterstützte ihn in
dieser Bitte. Adelheid selbst möchte in ein Heim oder in
einen Privathaushalt. Sie wollte zwar einen Beruf lernen, was
ihr jedoch nicht gestattet wurde, da sie der Vater abends zur
Erledigung seiner schriftlichen Arbeiten braucht.

In Übereinstimmung mit dem psychologischen Gutachten wurde
vom Staatsanwalt die Einstellung des Verfahrens wegen mangeln-
der Verantwortungsreife gemäß § 3 JGG beanttragt. Als Sofort-
Maßnahme
zur erzieherischen Förderung des Jungen wurde gleich-
zeitig die Anordnung der FE [
"Fürsorgeerziehung"] beantragt.

Das U r t e i l lautete entsprechend dem Antrag, wobei in
bezug auf den Fahrraddiebstahl insbesondere eine Bereiche-
rungsabsicht des Jungen negiert wurde.

Trotz gewisser Bedenken sollte man die FE [
"Fürsorgeerziehung"] zuerst
einmal hier in Berlin durchzuführen versuchen. Wir müssen selbstver-
ständlich seitens des Vaters große Schwierigkeiten gewärtigen.
Schon aus den Berichten der früheren Heimunterbringung [
1954-
1956
] des Martin ergibt sich, daß der Vater ihn seinerseits arglistig
aus dem Heim entführte. Auch die Urlaubsregelung dürfte recht
viel Kopfschmerzen bereiten.

Ich empfehle baldige Verlegung [
des Martin Mitchell aus dem geschlos-
senen Haus Kieferngrund in Berlin-Lichtenrade in den halb-offnenden
Jugendhof in Berlin-Schlachtensee
] nach Haus 12 und mache
darauf aufmerksam, daß der Junge bis Ostern 1962 vollschulpflichtig
ist. Mit Herrn R h o d e und Herrn P u r p e r [
im Jugendhof] wurde
bereits andeutungsweise über den Fall gesprochen. Wegen der
außergewöhlichen Lagerung dieses Falles wäre es zu begrüßen,
wenn der Junge von hier aus das letzte halbe Jahr in der West-
Schule / Schlachtensee [
außerhalb des Jugendhofes] absolvieren könnte.

Ich halte Martin [Mitchell] z. Z. Zwar für verwahrlosungs-gefährdet,
jedoch ist er keineswegs so akut verwahrlost, daß man eine
derartige schulische Maßnahme etwa nicht verantworten könnte.

Herr H e c k e r [
Jugendhof], Haus 12, wurde bereits mündlich in groben
Umrissen orientiert.



A. T a m b o r i n i
(A. Tamborini) Dipl. Psych.


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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 20. Juni 2006 ]