Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Siebenseitiges psychologisches Gutachten ausgestellt in West-Berlin am 4. Juli 1961,
von Diplom Psychologe Herrn Albert Tamborini betreffend den Jugendlichen Martin Mitchell.

nachdem er (aus guten Gründen) am 02.05.1961 von zu Hause weggelaufen war.

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Albert Tamborini
Dipl. Psych.


Berlin NW 87, den 4. Juli 1961
Tile Wardenbergstr. 10



An das
Amtsgericht Tiergarten
– Abt. 408 –
B e r l i n NW 21
Turmstr. 91


Zum Az.: 408 Ds 123/61 Jug


Laut Beschluss des Amtsgerichts Tiergarten vom 24.5.1961
erstatte ich ein

Psychologisches Gutachten

Betreffend den Jugendlichen Martin [ M i t c h e l l ]
geb. 28.7.1946 in Berlin, wohnhaft Berlin-Frohnau



[ Straße und Hausnummer ]


Az.: 408 Ds 123/61 Jug.

Ich stütze mich hiermit auf die Aktenunterlagen des Landes
jugendamtes und des zuständigen Bezirksamtes Reinicken-
dorf, ausführliche eigene Untersuchungen, Explorationen und
Testerhebungen. Außerdem wurde am 4.7.61 ein Hausbesuch durch-
geführt, da trotz Bitte um Rücksprache und vorherige Anmeldung
der Kindesvater nicht bereit war, zu einer Unterredung zu er-
scheinen.

Kurzgefaßte Anamnese:
Martin ist das zweite von fünf [sic =
sechs] Kindern. Die Mutter ist 1947
verstorben. Martin hat keine Erinnerungen an sie.

Der Vater ist im Jugendamt Reinickendorf als ein außerordentlich
schwieriger Mensch bekannt. Es sind verschiedene Gerichtsver-
fahren wegen Widerstandes, Freiheitsberaubung, Urkundenfälschung
und Beleidigung gegen ihn anhängig gewesen. Außerdem ist der
Vater, der der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas angehört
als ausgemachter Querulant bekannt.

Aus den Unterlagen geht weiterhin hervor, daß
am 17.1.1957 dem
Vater vom Amtsgericht Wedding das Aufenthaltsbestimmungsrecht

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über Martin entzogen wurde. In einem Bericht der Erziehungs-
beratung vom 8.11.56 [
? ] wird Martin als stark entwicklungs-
verzögert mit einem Rückstand von ca 2 Jahren geschildert. Aus den
Akten ist ferner zu entnehmen, daß der Junge bereits seit Jahren [
1954-
1956
] als Wegläufer [ aus Kinderheimen ! ] auffälig gewesen ist.

Nach dem Tode der Mutter hat der Vater wieder geheiratet.
Die Stiefmutter kümmert sich, soweit es ihr möglich ist, in
menschlich aufgeschlossener Weise um ihre Stiefkinder, kann
sich jedoch gegenüber dem Vater nicht durchsetzen.

Bezeichnend für die Wesensart des Vaters ist die Tatsache,
daß er auf ein entsprechendes Schreiben sich telefonisch anmeldete,
in recht anmaßender Weise einen besonderen Termin forderte,
der ihm auch zugestanden wurde, um dann doch nicht zu erschei-
nen. Das Angebot, an einem Sonnabend zur Rücksprache zu kom-
men, schlug er mit der Begründung aus, „wenn er in seinem
Garten ernten wolle, müsse er vorher auch säen“. Er habe bereits
mehrere Sonnabende durch Besuche seines Jungen verloren. Bei
einer Nachprüfung dieser Angaben zeigte sich, daß der Vater
während der gesamten Unterbringungszeit des Martin [
seit dem 3.5.61]
sich nur ein einziges Mal im Haus Kiefergrund um ihn kümmerte.

In telefonischer Rücksprache mit dem Heim [
Kieferngrund] lehnte der
Vater dann wieder ein persönliches Erscheinen ab und verlangte kate-
gorisch eine strenge Behandlung seines Sohnes, wie er über-
haupt offensichtlich dazu neigt, jedem Vorschriften zu machen.
U. a. War er empört darüber, daß der Junge im Kieferngrund ge-
legentlich fernsehen dürfe und betitelte das Heim daraufhin
rundweg als Erholungsheim. Bei seinem Erscheinen im Kieferngrund
erklärte er, daß sein Junge nur arbeiten solle, Freizeit sei
völlig überflüssig und Erholung könne er sich selbst auch
nicht leisten. Umgang seines Sohnes mit Gleichaltrigen lehne
er als Vater ab, weil der Junge dadurch nur Schlechtes lerne
und außerdem ungünstig im Hinblick auf den wahren Glauben be-
einflußt würde. Er wirkte nach Aussagen der Erzieher recht-
haberisch ohne jedes Gefühl dafür, daß sein Sohn im Grunde
noch
ein Kind ist, das Verständnis und Zuwendung braucht.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der Jugendliche
selbst bei der Andeutung, daß der Vater zu einer Rücksprache
kommen sollte, prophezeite, daß dieser nicht erscheinen würde

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der weiß ja selbst immer alles besser, aber vielleicht
schreibt er Ihnen“.

Der Junge berichtet weiter, daß der Vater häufig unmäßig
strafe und mit Lederriemen schlage. Das letzte Mal sei es
einige Tage vor seiner Heimeinweisung passiert, weil er bei
einem Auftrag gebummelt habe und zu spät nach Hause gekommen
sei. Martin erklärte, daß er immer viel im Garten und im
Hause helfen mußte und daß er so gut wie keine Freizeit
hatte; „nur an die beiden jüngsten Schwestern (aus 2. Ehe)
traue er sich nicht so ran“. Der Vater könne sich eigentlich
mit niemandem vertragen, immer sei Streit und Unfriede, auch
zwischen ihm und der Stiefmutter. Mit der Stiefmutter kommt
Martin recht gut aus, aber er läßt durchblicken, daß sie dem
dem Vater gegenüber kein Rückrad habe.

An seine frühe Kindheit kann sich Martin kaum erinnern. Es
sei immer so wie jezt gewesen. In der Schule sei er anfangs
zurückgestellt worden. Er kam dann jedoch einigermaßen mit,
wurde aber im letzten Jahr nicht versetzt, so daß er jetzt
eigentlich die 8B-Kl. Besuchen müßte. Sein Vater sei aber
gegen einen längeren Schulbesuch, weil er lieber sehen
würde, wenn Martin Geld verdient.

Im Laufe der letzten Jahre habe er schon öfters versucht, von
zu Hause auszurücken, als er es aber einmal tat, sei er bald
erwischt und zurückgebracht worden. Zuletzt wollte er zu einer
Tante nach Halle, von der er jedoch nur vage Vorstellungen
hat. Zusammen mit seinem knapp 14jährigen Bruder Peter stahl
er zu diesem Zweck zwei Fahrräder, um so schneller zu der
Tante zu kommen. Wegen dieser Taten wurde er festgenommen
und gem. § 71/JGG in das Haus Kieferngrund eingewiesen.
Auch während dieser Exploration brachte Martin deutlich zum
Ausdruck, daß er von zu Hause wieder ausrücken würde, wenn
man ihn dorthin zurückbrächte.

Trotz seiner Naivität und Kindlichkeit hat Martin recht ge-
naue Zukunfts- und Berufsvorstellungen. Er möchte gern Maurer
werden und glaubt auch theoretisch das nötige Wissen mitzu-
bringen.

Besondere Freizeit-Interessen hat er nicht. Sportlich traut
er sich nichts zu und hatte angeblich auch viel zu wenig

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Freizeit, um irgendein eigenes Hobby zu entwickeln.

Über irgendwelche Krankheiten kann Martin keine Auskunft
geben; Unfälle habe er nicht erlitten. Auch aus der Familien-
geschichte weiss Martin kaum Einzelheiten zu berichten.
Bezeichnenderweise erklärt er, nicht einmal zu wissen, wo
sein Vater arbeite. Der Vater sei Ingenieur, aber er wünsche
nicht, daß die Familie allzu viel von ihm wisse.

Psychologischer Befund:
Mittelgroßer, etwas dysplastisch wirkender Junge, im Auftre-
ten verschüchtert, immer bemüht nicht aufzufallen. Er wirkt
ausgesprochen verprellt, weint leicht und spricht mit leiser
ängstlicher Stimme.

Intelligenz:
Leicht unterdurchschnittlich begabt. Kapazität einigermaßen
ausgenutzt. Es fanden sich keine groben intellektuellen
Ausfälle, sondern eine breit gestreute, leichte Minderbegabung.
Deutlich waren Auffassungsschwierigkeiten festzustellen, wo-
bei zweifellos auch neurotische Leistungshemmungen, retenti-
ve und aggressive Gehemmtheiten eine Rolle spielen.

Das allgemeine und schulische Wissen ist lückenhaft, außer-
dem ist er zu ungeschickt, diese Lücken zu vertuschen, wo-
durch er in leistungsmäßiger Hinsicht vielfach negativer
beurteilt wird, als er wirklich ist. Er traut sich geistig
einfach nichts zu, wurde offensichtlich auch kaum ermutigt
und positiv bestärkt. Durch die dauernden Tadel, die stete
Unzufriedenheit, auf die der Junge bei dem Vater stieß, ist
es kein Wunder, daß er später nur noch entmutigt und mit
Minderwertigkeitskomplexen reagierte.

Durch ein ziemlich langsames persönliches Tempo ist auch
seine Auffassung etwas erschwert. Es fehlt ihm weitgehend
die übliche jugendtümliche Unbekümmertheit in Verhalten und
Reaktion. Logik, Kritik und Urteilskraft sind zwar vorhan-
den, werden jedoch nicht immer eingesetzt. Martin zeigt
wenig Ausdauer. Aktivität entwickelt er nur unter Druck.

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Eine eigenständige originelle Phantasie, wie sie für einen
normal entwickelten Jungen in diesem Alter typisch ist,
kommt garnicht zur Entfaltung. In seinem eigenen Sicherungs-
bedürfnis bevorzugt er deshalb nur ausgetretene und bewährte
Wege und scheut jedes Risiko – „geht ja sowieso schief“.
Seine Neigung zu Aufgabe und Resignation ist bei Berücksichti-
gung seines Alters wahrhaft erschreckend.

Die formale Intelligenz zeigt keine Ausfälle. Gedächnis,
Reproduktions- und Merkfähigkeit sind normal. Die Orientie-
rung örtlich, zeitlich und zur Person ist intakt. Ein Hinweis
auf eine geistige Störung oder einen Defekt fand sich nicht.

Seine Begabung ist im praktisch-manuellen Bereich besser als
im theoretischen. Er vermag sich hier besser auf die Situ-
ation einzustellen und zeigte schnelle Übungseffekte, die
seine Gesamtleistung anheben.

Charakteristik:
Außerordentlich gehemmter und durch seine schwierigen Umwelt-
verhältnisse in seiner Entwicklung beeinträchtigter Jugend-
licher. In seinem Wesen ist er lasch, schon in der körperli-
chen Erscheinung ungestrafft, ohne feste Konturen, ständig
leicht erregt. Typisch ist für ihn bei allen Themen, die ihn
gefühlsmäßig belasten, seine Aufregung: Zitterndes Kinn,
ständig fingern die Hände an irgend etwas herum und er erlebt
förmlich Schweißausbrüche.

Er ist nicht allzu anpassungsfähig, relativ ungewandt und
unselbständig, wirkt stets belastet und unfrei. Im Rahmen
einer Gemeinschaftserziehung ist er zumindest anfangs schwer
durchsetzungsfähig. Er fühlt sich ständig in die Verteidigung
gedrängt und reagiert dann höchstens einmal ausbruchshaft in
einer Art „Flucht nach vorn“, wenn er keinen anderen Ausweg
mehr sieht und sich gestellt fühlt.

Martin [Mitchell] ist als eine Mischung von Kindlichkeit, Alt-
klugheit, Angst, Verprellung, Trotz und verdrängter Aggressi-
vität zu bezeichnen. Er erlebt den Vater seit Jahren als
ständige seelische Belastung, erwartet trotzdem von ihm Hilfe
und sucht in einer etwas primitiven Art Zuflucht, um jedes
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Mal durch die völlig überforderte Haltung des Vaters von
neuem enttäuscht und zurückgestoßen zu werden. Zumindest
unbewußt weiß er, daß er ohne Hilfe von außen mit dem Leben
nicht fertig werden kann.

Die Straftaten stehen ohne jeden Zweifel im Zusammenhang mit
den schwer gestörten familiären Bindungen, sind jedoch kaum
mit einer Bereicherungsabsicht zu erklären. Martin wollte weg
von zu Hause und nahm sich sozusagen das Werkzeug dazu. Er
weiß zwar durchaus, daß Stehlen verboten ist, jedoch stand im
Augenblick der Tat das Wegkommen im Vordergrund, so daß er
keine ethischen oder moralischen Bedenken aktualisierte,
sondern unter dem Situationsdruck blind handelte. Aus dieser
Verhaltensweise spricht einerseits die seelische Drucksitu-
ation, in der er lebte, andererseits die Unreife dieses Jungen,
der in seiner psycho-physischen Entwicklung kaum einem 14jäh-
rigen gleichzusetzen ist. Die innere Not, in der dieses Kind
lebt, äußert sich z. B. Darin, daß Martin den Gutachter in
einer vertraulichen Unterredung fragte, ob er nicht dafür
sorgen könne, daß auch seine beiden anderen Geschwister in
ein Heim kämen. Martin hat Angst vor dem Vater und möchte
lieber in einem Heim bleiben als wieder nach Hause gehen.
Bei dem Besuch des Vaters im Haus Kiefergrund kam es zur
Überraschung des anwesenden Erziehers plötzlich zu einem Aus-
bruch des Jungen, der dem Vater in bitterer Form seine
Härte und Herzlosigkeit vorwarf. Angeblich soll der Vater mit
Betroffenheit und völliger Überraschung reagiert haben.

Nach dem Eindruck, den sowohl der Junge machte als auch nach
den übereinstimmenden Bekundungen aller Menschen, die mit
dem Vater zu tun hatten, kann man nur feststellen, daß er
für die Erziehung seines Jungen keineswegs die notwendigen
Voraussetzungen mitbringt.

Forensich-psychologische Würdigung:
Vorbehaltlich neuer Aspekte, die sich unter Umständen in der
Hauptverhandlung ergeben, müssen vom forensisch-psychologi-
schen Standpunkt aus die Voraussetzungen des § 3 JGG verneint
werden. Der Jugendliche war z. Z. Der Tat zwar in der Lage,

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das Unrechte seines Verhaltens zu erkennen, stand jedoch
unter einem so erheblichen situativen Druck, daß er nicht
fähig war, gemäß seiner Einsicht zu handeln.

Es wird jedoch dringend empfohlen, die
für die weitere Ent-
wicklung des Jungen unbedingt notwendige pädagogische
Förderung
durch die Anordnung der Fürsorge-Erziehung sicher-
zustellen.

Obwohl
Martin [Mitchell] im Grunde ein gutmütiger, außerordent-
lich liebebedürftiger und anlehnungsbereiter Jugendlicher

ist, gestaltet sich die Prognose durch die bereits einge-
tretene schwere Kontaktstörung äußerst unsicher.


A . T a m b o r i n i
(A. Tamborini) Dipl. Psych.


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 20. Juni 2006 ]