Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Psychotherapeutin und Traumaexpertin Michaela Huber aus Göttingen
berichtet von der 6. internationalen Tagung der Deutschsprachigen Sektion
der ISSD, (International Society for the Study of Dissociation) ISSD-D
welche am 3. und 4. November 2006 in Bad Krotzingen stattfand.


[ Enthoben aus dem Internet @ http://www.oent.at/downloads/Bericht_6ISSD-DTagung.pdf ]


Michaela Huber berichtet von der 6. internationalen Tagung der
Deutschsprachigen Sektion der ISSD, (International Society for the
Study of Dissociation) ISSD-D am 3. und 4. November 2006


Titel:
Misshandelte Kinder früh erkennen – und auch ihr Umfeld behandeln


Untertitel:

Internationale Traumaexperten tagten in Bad Krozingen


Beim angekündigten Besuch der leiblichen Mutter fängt das
zehnjährige Adoptivkind plötzlich an, auf den Möbeln
herumzuspringen. Auf die Bitte der Adoptivmutter, sich doch zu
setzen, sagt das Kind: „Das kann ich nicht, ich bin so glücklich.“ –
„Und was wäre, wenn du dich setzen würdest?“ – „Dann wäre ich
traurig.“ So beschreibt Fran Waters, amerikanische
Psychotherapeutin und ehemalige Präsidentin der internationalen
Trauma-Fachgesellschaft ISSD, ein Kind mit einer sogenannten
dissoziativen Störung. Dissoziation – also die Aufteilung von
Gedanken, Gefühlen, Erinnerungen oder Körperempfindungen,
kommt häufig bei Kindern vor, die vernachlässigt wurden, früh ihre
Eltern verloren, misshandelt und/oder seelisch gequält wurden.
Manche Kinder erstarren für Sekunden oder Minuten, wenn sie
unter Druck geraten; andere bekommen „unerklärliche“ Wutanfälle
oder klettern jedem Fremden auf den Schoß; wieder andere spüren
den Körper nicht mehr an den Stellen, an denen er misshandelt
wurde, wie die einkotende Siebenjährige, die nicht einmal riechen
kann, wenn „es zu spät ist“, oder der Elfjährige, der Fran Waters
erzählte, er habe „einen Eiswürfel hinten im Rücken“. Aufklärung
brachte bei diesem Heimkind eine Befragung seiner Schwester: Der
Vater hatte den Sohn schon mal zur Strafe in den Kühlschrank
gesperrt… (Denkt jetzt jemand an den kleinen Kevin aus Bremen,
der die Kühlschrank- Tortur nicht überlebt hat?)

Fran Waters Vortrag lauschten auf der Tagung der
deutschsprachigen Sektion der ISSD mehr als 200 Fachleute, die
sich im Kurhaus Bad Krozingen am 3. und 4. November zu
Fortbildung und Gedankenaustausch trafen. Was brauchen Kinder,
Jugendliche und Erwachsenen mit traumabedingten Dissoziationen,
um ihr Erleben verstehen, ihre schlimmen Erfahrungen überwinden
und sich bzw. ihre Impulse unter Kontrolle bringen zu können?
Eines ganz sicher nicht: Falsche Diagnosen, Medikamente statt
Gespräche und – bis auf wenige Ausnahmen – geschlossene
Unterbringung statt Einzelfall-Hilfen für sie und ihr familiäres
Umfeld, stellten die versammelten Ärzte und Psychotherapeuten
klar.

Traumatherapeuten wie Waters und ihre deutschen Kollegen
erleben nämlich häufig, dass bei verwahrlosten oder misshandelten
Kindern nicht in Betracht gezogen wird, wie sehr genau die frühen
Schreckenserfahrungen die Symptome hervorrufen, die den Kindern
Probleme machen: zappelige Kinder gelten automatisch als
hyperaktiv; der Wutanfall wird ausschließlich als Aggression
gesehen und nicht als Wiederholung der gesehenen elterlichen
Wutausbrüche; ein Kind, das manchmal Leistungseinbrüche zeigt,
gilt als faul; eines, das sich nur mit Verhaltensritualen ein
einigermaßen sicheres Gefühl verschaffen kann, als zwanghaft; und
schlimmstenfalls werden Kinder als manischdepressiv diagnostiziert
oder ihnen eine hebephrene (jugendliche) Schizophrenie attestiert,
die nach früher Verlassenheit, erlebter Grausamkeit und
Verzweiflung ihre Gefühle „nicht auf die Reihe kriegen“. Statt den
Kindern eine adäquate Behandlung zukommen zu lassen, die
manchmal – wenn die Kinder vor ihren Peinigern in Sicherheit
gebracht wurden – nur wenige Stunden verteilt auf ein paar Monate
umfassen müsste, werden die Probleme chronisch. Bekommt ein
traumatisiertes Kind keine adäquate Hilfe, entstehen „komplexe
Traumafolgestörungen“ wie Süchte, Schul- und Leistungsprobleme,
und die Jungen neigen dann zu aggressiven Wutausbrüchen,
während Mädchen immer wieder missbräuchliche Beziehungen
eingehen oder sich auf noch direktere Weise schädigen, etwa indem
sie nach Fressattacken erbrechen, sich heimlich Wunden zufügen
oder ihren Hilfeschrei nur in einem Selbstmordversuch ausdrücken
können.

Und so gilt, wie Michaela Huber, Sprecherin der deutschsprachigen
ISSD-Mitglieder unter dem Beifall ihrer Kollegen betonte, die
Devise: „Ein Gramm Prävention ist wichtiger als ein Kilo
Rehabilitation.“ Früherkennung und adäquate Maßnahmen forderte
auch der Münchner Bindungsforscher Karl-Heinz Brisch, der
inzwischen ein Mentorentraining anbietet, damit im
deutschsprachigen Raum bereits werdende Eltern aus
Problemfamilien begleitet werden können mit dem Ziel,
Bindungsstörungen und unreflektiertes Weitergeben von
Traumaerfahrungen der Eltern auf die Kinder zu verhindern bzw.
zu beheben.

Von Weitergabe von Kriegstraumatisierungen der inzwischen
Großeltern-Generation auf die nachfolgenden Generationen
handelte ein beeindruckend persönlich gehaltener Vortrag der
bekannten deutschen Psychotherapeutin und Sachbuch-Autorin
Luise Reddemann, das in Abwesenheit der Referentin verlesen
wurde. Auf die traumatisierte Kriegsgeneration, so Reddemann,
folgte die „funktionierende“ Generation, aus denen sich auf die
Mehrheit der heutigen Psychotherapeuten rekrutiert. Diese
Generation habe vielleicht auch, weil sie den eigenen Eltern und
Angehörigen, die meist ihre Traumatisierungen nur schlecht
verkrafteten, nicht helfen konnte, eine Motivation entwickelt,
zumindest anderen zu helfen – nicht die schlechteste Ausgangslage,
aber doch auch eine, die nachdenklich stimmt und bei der sich die
Behandler vor dem „Ausbrennen“ schützen müssten.

Wie hart der tägliche Umgang mit der erlebten Gewalt der Klientel
sein kann, illustrierte auch eine Ausstellung einer Künstlerin, die
ihre dissoziative Störung erst als Erwachsene in einer längeren
Psychotherapie verändern konnte. Michaela Huber bat die Kollegen
ausdrücklich, sich gut zu wappnen, bevor sie die Bilder anschauten,
die von buchstäblich unsagbarem Leid, von äußerst sadistischer
Gewalt und einer Aufteilung der Persönlichkeit des Kindes
handelten, das vor der nächtlichen Vergewaltigung durch den Vater
in ein Lebewesen voller Schmerzen und eines aufspaltete, das
„hinausflog in den Sternenhimmel“. Und da die Gewalt kein Ende
nahm und niemand half, spaltete sich das Kind und spaltete sich
und spaltete sich…, bis die einzelnen Anteile wie die Eisschollen
auseinandertrieben, über den Horizont der Wahrnehmung hinaus,
und sich in manchmal freundliche und vertraute, manchmal
feindselige oder völlig unbekannt erscheinende Gestalten
verwandelte. „Die Bilder waren zuerst da“, schreibt die Künstlerin,
die ihr Leid Schritt für Schritt auch malend verarbeitete, „die Bilder
wussten mehr, als Worte und Sprache ausdrücken konnten“. Renate
Stachetzki, die heute in der die Tagung gemeinsam mit der
ISSDausrichtenden Werner-Schwidder-Klinik tätig ist und mit dieser
künstlerisch hochbegabten Frau vor Jahren gearbeitet hatte und mit
ihr in Kontakt geblieben war, zeigte in einem gesonderten
Workshop, wie sie mit Symbolen und vielfältigen
Gestaltungsangeboten ihren PatientInnen hilft, sich ihren ehemals
so überwältigenden Lebenserfahrungen vorsichtig und allmählich
immer besser verstehend zu nähern.

Die Notwendigkeit, Hilfen für misshandelte und vernachlässigte
Kinder, Jugendliche und Erwachsene in vernetzter Form anzubieten,
wurde in allen Vorträgen und Workshops betont. Sylvia Eilhardt
vom Jugendamt Witten stellte zum Beispiel ihren in vieljähriger
mühsamer Vernetzungsarbeit zusammengestellten Arbeitskreis zum
Thema Satanismus und destruktive Kulte vor, in dem Therapeuten
und Kriminalbeamte, Kinderärzte und Sozialpädagogen
zusammenarbeiten, um gefährdete Kinder, Jugendliche und
Erwachsene aus dem, teilweise hoch organisierten und mit
zerstörerischen Okkultismuspraktiken agierenden Milieu der Kulte,
Sekten und Psychogruppen heraus zu begleiten. Der Hamburger
Bundesanwalt Rudolph von Bracken stellte das von ihm begründete
Netzwerk Opferhilfe vor, das u.a. auch kompetenten Rechtsbeistand
vermittelt und vor der Erstaussage bei Anzeigen gegen Täter berät.

Dass Traumabehandlung die Methode der Wahl bei dissoziativen
Folgestörungen von Gewalt darstellt, wurde eindrücklich auch in
zahlreichen vorgestellten neuen Studien deutlich, wobei die
Stabilisierung der Betroffenen im Vordergrund steht, und erst wenn
diese in sicheren und – auch innerlich – geordneteren Verhältnissen
leben, die Erfahrungen im einzelnen verarbeitet werden können. Je
früher die Betroffenen in adäquate Traumatherapie kämen, desto
kürzer die Behandlungsdauer, daher war Früherkennung immer
wieder ein Thema.

Sehr zufrieden äußerten sich Veranstalter und Publikum
gleichermaßen über das freundliche und kooperative Klima der
Tagung wie über die hervorragende Qualität der Fachvorträge. Die
nächsten beiden Tagungen der deutschspachigen ISSD werden im
Juli 07 im Klinikum Wahrendorff bei Hannover und im Februar 08 im
Klinikum Nord in Hamburg stattfinden.

Informationen und Kontakt über die erste Vorsitzende Michaela
Huber, email
huber@michaela-huber.com oder die Leiterin des
Berliner ISSD-Büros Dr.Bettina Overkamp, email:
overkampgehrke@compuserve.de .

Weitere Informationen, die Rede von Frau Reddemann und andere
Neuigkeiten zum Thema finden Sie auf
www.dissoc.de




@ http://www.michaela-huber.com/

Michaela Huber

Psychologische Psychotherapeutin

1. Vorsitzende der Dt. Sektion der
International Society for the Study of Dissociation

Bücher
Multiple Persönlichkeiten - Überlebende extremer Gewalt
Trauma und die Folgen - Trauma und Traumabehandlung Teil 1
Wege der Trauma-Behandlung - Trauma und Traumabehandlung Teil 2
Der innere Garten. Ein achtsamer Weg zur persönlichen Veränderung
und mehr

Seminare in Göttingen
Gruppen- und Einzelseminare
z. B. Diagnostik & Behandlung posttraumatischer dissoziativer Störungen

Vorträge
International


[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: Date of first publication on this Website: 15. Dezember 2006 ]