Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Mehrseitiger handschriftlicher Lebenslauf den Martin Mitchell Mitte Januar 1963
für ein Gerichtsverfahren im Jugendschöffengericht Pirmasens (Rheinland-Pfalz)
persönlich verfasst hat. Fünf Seiten davon sind in perfekter Formatierung verfasst,
und weitere anderthalb Seiten in Kladde, und ohne Abschnitte, geschrieben.


[ Zwei-Brücken
Rheinland-Pfalz
]

[ Untersuchungshaftanstalt ]


[ Seite 1 ]


[ geschrieben Mitte Januar 1963 ]


[ Freiwillig und damalig auf eigenen Entschluss geschriebener Lebenslauf ]

Ich, Martin [Mitchell], wurde als ehelicher Sohn meiner Eltern, Johann [Mitchell],
Maschinenbauingenieur, und Schlossermeister, und Hella [Mitchell], geborene
S[...........], Technische Zeichnerein, am 28. Juli 1946 zu Berlin-Lichter-
felde (West) geboren. Ein Jahr vor mir, im März 1945, wurde meine
Schwester Adelheid [Mitchell] geboren. Am 27. Juli 1947 wurde mein Bruder
Peter [Mitchell] geboren. Im Oktober 1947 verstarb meine Mutter an Kinder-
lähmung. Im Jahre 1948 verehelichte sich mein Vater wiederum. Er hei-
ratete Wilhelmine [Mitchell], geborene K[.......], Krankenschwester. Aus dieser 2.
Ehe meines Vaters gingen noch 3 Kinder hervor. Im Jahre 1950 wurde
meine Stiefschwester [sic] Inge [Mitchell] geboren. Im Jahre 1953 wurde meine
Stiefschwester [sic] Karin [Mitchell] geboren. Am 8. Februar 1961 wurde mein
Stiefbruder [sic = Halbbruder] Horst [Mitchell] geboren.

Mein Vater ist Heimatvertriebener aus Jugoslavien. Er nahm die deutsche
Staatsangehörigkeit nicht an und ist daher Heimatloser Ausländer. Seine
Frau, die Deutsche ist, verlor durch die Heirat die deutsche Staatsangehörig-
keit. Somit sind auch alle Kinder, die aus erster und die aus zweiter Ehe,
ohne Staatsangehörigkeit und somit Heimatlose Ausländer.

Bis zum Jahre 1950 war unsere Familie in Berlin-Lichterfelde (West)
Baselerstraße 10 wohnhaft. Im Jahre 1950 gab mein Vater seinen Schlos-
sereibetrieb und Geldschrankbau auf, den er bis dahin führte und sein
Eigentum nannte, und wir zogen nach Berlin-Tegel (West), Erholungsweg
99 um. Dort hatte mein Vater ein eigenes Haus auf Pachtland. Dieses
Haus war ein Flachbau. Es hatte 8 Zimmer, 2 Küchen, 1 Bad, 1 Büro und
eine Schlosserei für Privatzwecke.

Im Jahre 1956 wurden wir von dem Eigentümer des Pachtlandes, der
“Gagfa“ einer Gesellschaft, rausgeklagt. Das Gericht entschied zugunsten des
Pachtlandeigentümers, der auf dem Land bauen wollte, trotzdem der
Pachtvertrag auf 10 Jahre lautete. Unser Haus wurde abgerissen, und
wir hatten keine Wohnung mehr. Wir kamen in ein Lager für Wohnungs-
lose nach Berlin-Reinickendorf (West), Flottenstraße.

Im April 1953 wurde ich eingeschult. Ich besuchte 2 Klassen der Grund-
schule zu Berlin-Tegel (West).

Da wir nun keine anständige Wohnung mehr hatten, brachte mein Vater,
meine Schwester Adelheid [Mitchell], meinen Bruder Peter [Mitchell] und mich in
ein Kinderheim. In verschiedenen Heimen verbrachte ich 2 Jahre und be-
suchte in der Zeit 2 weitere Klassen der Grundschule, zu Berlin-Span-
dau (West) und zu Berlin-Hermsdorf (West).

Mein Vater kaufte sich im Jahre 1956 ein Grundstück in Berlin-Frohnau
(West) [Straße & Haus-Nr.]. Er baute sich dort ohne jede Hilfe eines gelernten
Maurers, aus den Steinen des alten Hauses, ein neues Haus mit 4 Zimmern,
Küche und Bad. Das Haus unterkellerte er ganz. Er erledigte auch die
Ausschachtungsarbeiten mit eigener Kraft, ohne jede Hilfe. Auch die Bau-
pläne entwarf er selbst, und auch die Berechnungen erledigte er selbst.
Der Bau des Hauses wurde von der Baupolizei genehmigt.

In der Bauzeit wohnte mein Vater mit seiner Frau und 2 Kindern in ei-
nem kleinen Behelfsheim, was er zuvor auf dem gleichen Grundstück
aufgestellt hatte.


[ Seite 2 ]


[ geschrieben Mitte Januuar 1963 ]


Trotzdem die Baupolizei meinem Vater die Genehmigung zum Bau des
Hauses erteilt hatte, legte sie ihm kurze Zeit später viele Schwierigkeiten
in den Weg und verbot ihm sogar weiterzubauen, als das Haus schon
halb fertig war. Die Polizei holte meinen Vater sogar von der Baustelle
weg und sperrte ihn unrechtmäßig für 2 Tage ins Gefängnis, nur weil
er das Haus weiterbaute und die Behörde plötzlich dagegen war, nach-
dem sie vorher die Genehmigung erteilt hatte.

Mein Vater baute das Haus trotz des Verbots weiter und konnte es im
Jahre 1958 fertigstellen. [Vermerk: Das Haus steht heute noch, im Jahre 2006.]

Nicht nur die Baupolizei, sondern auch andere Behörden und Dienststellen,
bereiteten meinem Vater beim Bau des Hauses große Schwierigkeiten.
Mein Vater wurde von überall her schikaniert. Mein Vater war gezwun-
gen zu klagen; er wurde auch verklagt. Er gewann und verlor und
mußte zahlen. Er konnte nicht zahlen. Der Gerichtsvollzieher kam und
pfändete. Mein Vater war ruiniert. Mein Vater verfluchte die Deutschen,
biß aber die Zähne zusammen und hielt den Schwierigkeiten die
man ihm in den Weg stellte stand.

Als das Haus fertig war, wollte mein Vater meine Schwester Adelheid [Mit-
chell] aus dem Heim holen, damit sie meiner Stiefmutter im Haushalt
helfe, doch das Jugendamt wollte meine Schwester nicht herausgeben.
Mein Vater verklagte das Jugendamt und bekam seine Tochter vom Ge-
richt zugesprochen.

Kurz darauf wollte mein Vater meinen Bruder Peter [Mitchell] und mich
aus dem Heim holen, und das Jugendamt wollte uns ebenfalls
nicht herausgeben. So gab mein Vater an einem Sonntag an dem
er uns besuchte vor, er wolle uns zu einem Spaziergang mitneh-
men, was ihm auch gestattet wurde. Nach dem Spaziergang brachte
uns mein Vater nicht wieder ins Heim zurück, sondern nahm uns
mit nach Hause nach Berlin-Frohnau (West) [Straße & Haus-Nr.], in
unser neues Haus. Am nächsten Tag nachdem dies geschehen war,
kam das Jugendamt und wollte uns wieder holen, doch mein Va-
ter gab uns nicht heraus. Die Sache erledigte sich nach geraumer Zeit
von selbst und wir durften zu Hause bleiben.

Mein Vater mußte also sozusagen seine eigenen Kinder stehlen sonst
hätte er sie nicht bekommen.

Das Jugendamt hätte froh sein sollen, daß es uns los war, aber das
Gegenteil war der Fall und das Jugendamt war wütemd auf meinen
Vater.

Vom Jahre 1957 bis zum Jahre 1959 besuchte ich 2 weitere Klassen
der Grundschule zu Berlin-Frohnau, wobei meine Stiefmutter in der
Zeit sehr um mein schulisches Weiterkommen besorgt war. Vom Jahre
1959 bis zum Jahre 1961 besuchte ich 2 Klassen der Oberschule
des Praktischen Zweiges in Berlin-Frohnau (West).

Vom Jahre 1958 bis zum Jahre 1961 ereignete sich nichts besonde-
res. Die Schwierigkeiten die man meinem Vater in den Weg legte wurden
nicht mehr und nicht weniger. Es war immer noch das Gleiche wie vor


[ Seite 3 ]


[ geschrieben Mitte Januuar 1963 ]


Jahren. Mein Vater mußte immer noch klagen und wurde auch verklagt.
Es war ein harter Kampf; ein Mann gegen viele Behörden und Dienst-
stellen, und Behörden und Dienststellen gegen einen Mann der ihnen
ein Dorn im Auge war und den sie unbedingt kleinkriegen wollten.
Das Haus wollte man meinem Vater sogar noch nach der Fertigstellung
abreisen. Es gelang meinem Vater nur durch Klagen und Beschwerden
bei den allierten Dienststellen, dass das Haus noch heute steht.

Es gibt sogar Gerichtsfälle die mein Vater gegen die Behörden führte, die bis zu
den Vereinten Nationen nach Amerika gingen, um dort entschieden zu
werden. Einmal schrieb mein Vater an den Regierenden Bürgermeister
von Berlin Willi Brandt und beschwerte sich bei ihm über verschie-
denes. Dieser schrieb ihm jedoch, er solle ihm nicht mehr schreiben er kön-
ne ihm nicht helfen. Daraufhin wollte mein Vater den Regierenden Bür-
germeister persönlich sprechen worauf man ihm sagte: "Der Regierende
Bürgermeister ist für die Bevölkerung nicht zu sprechen. " Mein Vater sag-
te daraufhin, daß: "Wenn der Regierende Bürgermeister die Mißstän-
de bei den Berliner Behörden nicht ändern kann, oder nicht ändern
will, dann soll er sich nicht 'Regierender Bürgermeister' schimpfen, son-
dern 'Regierender Hosenscheißer' nennen."

Durch den dauernden Gerichtskrämpel war mein Vater völlig mit den
Nerven fertig. Er verprügelte uns oft, hauptsächlich uns Kinder aus er-
ster Ehe, und dies geschah oft genug ohne Grund. Dazu kam
noch, daß ich nicht in die neunte Klasse versetzt wurde. Mein Vater
war immer schlechter Laune. Mein Leben bestand nur noch aus Ver-
boten und Befehlen zur Arbeit. Sport und Spiel war mir nicht gegönnt.
Ins Kino, oder sonst weg gehen Abends, oder am Sonntag, durfte ich nie,
und Taschengeld bekam ich auch keins.

Mir gefiel es garnicht mehr zu Hause, und ich beschloß mit meinem
Bruder Peter [Mitchell] von zu Hause fortzugehen. Wir stahlen am 3. A-
pril 1961 zusammen 2 Fahrräder, womit wir zu Verwandten in
die Ostzone fahren wollten. Am 4. April 1961 wurden wir des Dieb-
stahls beschuldigt, und wir gaben ihn zu und sagten auch wa-
rum wir dies getan haben.

Gegen mich wurde ein Haftbefehl erwirkt, und ich kam in ein Heim
des Jugendamtes, in die verbesserte Untersuchungshaft, welches ver-
gittert war. Mein Bruder wurde nach Hause entlassen, da er noch
nicht strafmündig war; doch er ging nur mit Wiederwillen.

Das Heim ["Haus Kieferngrund"] befindet sich in Berlin-Lichtenrade (West),
Lüzowstraße 45. Dort war ich vom 5. April bis zum 18 Juli 1961. Am
18. Juli 1961 hatter ich Termin.

Ich kämpfte mit mir was ich tun sollte. Sollte ich im Heim bleiben
oder wieder nach Hause zu meinen Eltern gehen? Vorläufig gewann
das Heim die Oberhand und ich nahm mir vor im Heim zu bleiben.

Auf meinem Termin am 18. Juli 1961 beschwerte ich mich gleich-
zeitig über meinen Vater und sagte, daß ich nicht mehr nach Hause
wolle. Von meiner Straftat wure ich Mangels Verantwortungsreife
freigesprochen.
Als Erziehungsmaßregel wurde die Fürsorgeerziehung


[ Seite 4 ]


[ geschrieben Mitte Januar 1963 ]


angeordnet. Ich nahm das Urteil an, – was ich später bitter bereute – ,
mit dem Hinweis, daß ich freiwillig im Heim seien wolle. In dem Urteil,
was ich garnicht richtig verstand, wurde es aber so ausgelegt, daß die
Fürsorgeerziehung auf Grund der Straftat in Kraft trete. Ich kann
doch aber nicht freigesprochen und gleichzeitig bestraft werden.
Dies überlegte ich [mir] und merkte ich aber erst später, als mir das Urteil lan-
ge nach dem Termin noch einmal vorgelesen wurde, und da em-
pfand ich die Fürsorgeerziehung als eine Strafe, welche mir versagte
nach Hause zu meinen Eltern zurückzukehren.

Nach dem Termin kam ich in den Jugendhof-Schlachtensee, in
Berlin-Zehlendorf [West], Benschalle 2-4. Von dort aus besuchte ich eine
Berufsfindungsklasse des Praktischen Zweiges zu Berlin-Zehlendorf
(West). Ich war noch nicht lange in diesem Heim, als mein Freund
Dieter W[........] und ich, von mehreren Jugendlichen (Schlägern) be-
droht wurden. Wir sollten beide des Nachts im Schlaf überrascht
und verprügelt werden. Wir beschlossen daher aus dem Heim abzu-
hauen. Nach ein paar Tagen jedoch wurden wir wieder von der Poli-
zei aufgegriffen, nachdem wir schon mehrere Straftaten gemacht
hatten.

Am 8. September 1961 wurde gegen uns beide ein Haftbefehl er-
wirkt, und wir kamen in das Untersuchungsgefängnis Berlin-
Moabit.

Aus der Untersuchungshaft schrieb ich einen Brief an meine Schwes-
ter Adelheid [Mitchell], dem ich einen Brief an meinen Vater beilegte,
der mich wieder mit ihm versöhnen sollte; ich hatte das Leben im
Heim schon gründlich satt. Meine Schwester Adelheid jedoch gab
den Brief nicht meinem Vater. Sie schrieb mir ich solle im Heim blei-
ben, dort sei ich gut aufgehoben. Ich ließ den Gedanken nach
Hause zu gehen also wieder fallen.

Aus der Untersuchungshaft schrieb ich an den Haftrichter und
bat ihn für meinen Freund Dieter W[........] und mich, daß wir
in die verbesserte Untersuchungshaft [nach "Haus Kieferngrund"] kämen.

Es dauerte nicht lange und wir kamen beide in das vergitterte Heim
des Jugendamtes nach Berlin-Lichtenrade [West], wo ich schon einmal
war.

Am 18. Dezember 1961 hatten wir Termin, und er wurde vertagt.
Wir kamen beide in das vergitterte Heim zurück, trotzdem der Haft-
befehl aufgehoben worden war. Über die Weinachtsfeiertage bekam
ich einen Tag Urlaub und besuchte meine Großmutter Eva S[.....-
......] in Berlin-Lichterfelde (West) [Straße & Haus-Nr.].

Am 1. Januar 1962 bekam ich wiederum Urlaub. Mich über-
kam das Heimweh. Ich dachte an die Zeit im Heim zurück
wo es mir garnicht gefallen hatte. Ich dachte daran, daß die
2. Straftat zusammen mit dem Dieter W[........] garnicht pas-
siert wäre, wenn ich zu Hause gewesen wäre. Das Heim kann
mir garnicht soviel bieten wie meine Eltern. Im Heim lernt man
nur Schlechtes und wird [man] noch mehr verdorben als man schon ist.


[ Seite 5 ]


[ geschrieben Mitte Januar 1963 ]


Kurzum, ich entschloß mich nach Hause zu gehen und mich mit mei
nem Vater wieder auszusöhnen.

Mein Vater nahm mich mit offenen Armen auf. Er hatte nie gewollt
daß ich ins Heim komme. Er war nicht nachtragend. Er war von
der Zeit an immer freundlich und entgegenkommend mir gegen-
über. Mein Vater behandelte mich anständig, und ich bekam auch
keine Prügel. Wir kamen prima miteinander aus. Ich war sehr
glücklich wieder zu Hause zu sein. Das Jugendamt setzte meinem
Glück jedoch bald ein schnelles Ende.

Gleich am nächsten Tag schrieb ich ans Gericht und ans Heim, daß
ich nicht die Absicht habe, wieder ins Heim zurückzukehren.
Ich schrieb, daß ich nun für immer zu Hause bleiben wolle und
bat um die Aufhebung der Fürsorgeerziehung. Auch mein Vater
schrieb ans Gericht und ans Heim, doch weder er noch ich be-
kam vom Gericht, oder vom Heim, Antwort. Wir schrieben nicht
nur einmal, sondern mehrmals, aber unsere Schreiben wurden
nicht beachtet.

Am 5. Januar 1962 kam ein Kriminalbeamter zu uns nach Hause;
ich war ganz alleine da. Er forderte mich auf mit ihm zu gehen;
er wolle mich ins Heim zurückbringen. Wir unterhielten uns ganz
manierlich, wobei der Kriminalbeamte hinter dem Zaun stand; ich
hatte ihn nicht reingelassen. Er machte auch keine Anstalten sich
den Zugang mit Gewalt zu erzwingen. Ich sagte ihm, daß ich nicht
kommen werde und es auch niemand leicht machen werde mich
zu holen. Daraufhin ging er zum nächsten Polizeirevier und for-
derte Verstärkung an.

Es dauerte nicht lange und es kamen 3 Funkwagen mit je 4 Mann
Besatzung und noch mehrere Kriminalbeamte. Gewaltsam ver-
schaften sie sich Zugang ins Haus. Sie brachen mehrere Türen auf
und durchsuchten das ganze Haus, jedoch ohne mich zu finden.
Sie benahmen sich als suchten sie einen Schwerverbrecher. Dies alles
geschah ohne Haftbefehl oder Haussuchungsbefehl oder sonst ir-
gendeines Befehls. Erst als mein Vater am Abend nach Hause kam
und sie aufforderte das Haus und das Grundstück zu verlassen,
kamen sie der Aufforderung nach langem Zögern nach und zo-
gen unverrichteter Dinge ab.

Am 24. Januar 1962 begann ich durch Vermittlung meines Vaters
eine Maurerlehre bei Herrn Architekt und Maurermeister Paul
Skibbe, in Berlin-Frohnau (West), Laurinsteig 8. Er setzte eine
Probezeit auf 4 Wochen an und war sehr zufreiden mit mir.
Ich war gewillt bei ihm meine Maurerlehre zu beenden.

Am [1.] März 1962 wollte ich mich in der Berufschule in Ber-
lin-Borsigwalde (West), Tietzstraße, anmelden. In der Beruf-
schule war zufällig ein gewisser Herr Simon vom Jugendamt.
Dieser rief die Polizei an welche mich sofort abholte. Und plötz-
lich war auch ein Haftbefehl da auf dem das Austellungs-
datum des 15. Februars 1962 stand. Am nächstfolgenden
Tag, dem [2.] März 1962 wurde ich vor den Haftrichter geführt.


[ Ende der fünf Seiten des mehr perfekt geschriebenen Lebenslaufes ]


[ 1. Seite der Kladde ]


[ ohne Abschnitte - geschrieben Mitte Januar 1963 ]


Mein Vater war sehr streng zu seinen Kindern. Er verprügelte uns oft und
dies geschah auch oft genug ohne Grund. Dies mißviel uns sehr. Mein
Bruder und ich beschloßen von zu Hause fortzugehen. Wir stahlen
2 Fahrräder und wollten damit zu Verwandten in die [Ost]Zone fahren.
Wir wurden des Diebstahl beschuldigt. Ich kam in ein Heim des
Jugendamtes ins "Haus Kieferngrund" in Berlin-Lichtenrade, am 5.4.1961.
Am 18.7.1961 fand der Termin für meine strafbare Handlung statt.
Ich wurde freigesprochen doch es wurde die Fürsorgeerziehung als Er-
ziehungsmaßregel angeordnet weil ich gesagt hatte, daß ich nicht mehr
nach Hause wolle. Ich kam in den Jugendhof Schlachtensee in Berlin-
Zehlendorf. Dort entwich ich zusammen mit meinem Freund Dieter
W[..........] auf Grund einer Bedrohung von Seiten anderer Jugendlicher.
Wir begingen zusammen strafbare Handlungen und wurden nach kurzer
Zeit von der Polizei festgenommen. Wir kamen beide in das "Haus Kiefern-
grund". Am 18. Dezember 1961 fand der Termin statt der vertagt wurde.
Am 1.1.1962 bekam ich Urlaub vom "Haus Kieferngrund". Ich ging nicht
mehr ins Heim zurück. Ich söhnte mich mit meinem Vater aus und
blieb bei ihm. Gleich am nächsten Tag schrieb mein Vater und ich ans
"Haus Kieferngrund" und ans Gericht; unsere Schreiben wurden je-
doch nicht beachtet. Ein paar Tage darauf wollte man mich mit Polizei-
gewalt von meinen Eltern wegholen; doch man fand mich nicht. Am 24.1.
1962 begann ich eine Maurerlehre bei Herrn Paul Skibbe, Architekt und
Maurermeister. Er war sehr zufrieden mit mir. Am [1.] März 1962 wollte ich
mich bei der Berufschule anmelden. Dort, in der Berufschule war
ein Beamter des Jugendamtes ein gewisser Herr Simon der die Polizei
telefonisch von meiner Anwesenheit benachrichtigte. Die Polizei holte mich
ab. Am [3.] März 1962 kam ich wieder ins "Haus Kieferngrund“.
Am 4.4.1962 fand der Termin statt der am 18.12.1961 vertagt worden
war. Ich bekam 5 Tage Jugendarrest die ich sofort verbüßte. Danach
kam ich wieder nach "Haus Kieferngrund". Dort wurde mir von einem
Fürsorger einem gewissen Herrn Gärtner ein schrifliches Versprechen
abverlangt, daß ich nicht mehr abhaue und zu meinen Eltern gehe.
Er sagte wenn ich dieses Versprechen nicht gebe müsse ich bis zu meinem
19. Lebensjahr im "Haus Kieferngrund" bleiben. Ich gab dieses schriftliche
Versprechen. Daraufhin wurde ich nach dem Jugendhof Schlachtensee ver-
legt wo mir die Weiterführung meiner [Maurer]Lehre gestattet wurde. Der Weg
zu meiner Arbeitsstelle vom Heim aus war sehr weit. Ich mußte immer
schon um 3:30 Uhr aufstehen um pünktlich um 6:30 Uhr bei meiner
Arbeitsstelle zu sein. Wenn ich zu Hause war brauchte ich erst
um 6:00 Uhr aufstehen und konnte mit dem Fahrrad noch pünktlich
zur Arbeit kommen. Ich teilte dem Gericht diese Umstände mit und auch
die schlechten Zustände die im Heim herrschten. Ich schrieb 3 mal be-
kam jedoch keine Antwort. Daraufhin ging ich nach Hause zu meinen
Eltern; ich entwich aus dem Heim. Von der Entweichung erzählte ich
meinem Lehrmeister; dieser verhandelte mit dem Jugendamt. Eine gewisse
Frau Wolf, die für mich zuständig gewesene Fürsorgerin im Jugendamt
versprach meinem Lehrmeister, daß ich in 1-3 Tagen zu ihm ziehen
dürfe. Er wollte für mich die Vormundschaft übernehmen
und mir ein Zimmer in seiner Villa zur Verfügung stellen. Ich kehrte
noch am gleichen Abend nach der Verhandlung ins Heim zurück
um auf den Umzug zu warten. Nach über einer Woche war das
Versprechen jedoch nicht erfüllt worden. Ich entwich wiederum
aus dem Heim und ging zu meinen Eltern zurück. Von der Arbeits-
stelle beanchrichtigte ich Frau Wolf telefonisch, daß ich nicht ins
Heim zurückkehren werde da man das Versprechen nicht erfüllt habe. Ich besuchte von zu hause aus jeden Tag die Lehrstelle und auch die Berufschule
Irgendeine Stelle des Jugendamtes machte dem Gericht eine falsche Mitteilung.


[ 2. Seite der Kladde ]


[ ohne Abschnitte - geschrieben Mitte Januar 1963 ]


Sie schrieb dem Gericht, daß ich weder die Lehre noch die Beruf-
schule besuche seitdem ich bei meinen Eltern bin. Diese Stelle forderte
vom Gericht einen Gerichtsvollzieher der mich aus dem elterlichen
Hause abholen sollte. Das Gericht machte meinem Vater und mir davon
Mitteilung; wir sollten uns dazu äußern. Ich ließ mir sofort ein Arbeits-
zeugnis von meinem Lehrmeister ausstellen in dem er bestätigte,
daß ich jeden Tag die Lehrstelle besuche. Dies schickte ich ans Gericht und
bat wiederum um die Aufhebung der Fürsorgeerziehung. Nach kurzer
Zeit wurde mir und meinem Vater jedoch mitgeteilt, daß man dem Jugend-
amt einen Gerichtsvollzieher gestellt habe der mich bei Tages- oder Nacht-
zeit von zu Hause holen könne. Doch der Gerichtsvollzieher kam nicht. Am
5. Juli 1962 wurde ich eines Diebstahls beschuldigt mit dem ich je
doch nichts zu tun hatte wie sich später herausstellte. Dadurch kam
ich jedoch wieder mit dem Jugendamt in Berührung. Am 15. Juli 1962 wurde
ich auf Anordnung des Jugendamtes in das Erziehungsheim ["Beiserhaus"] bei
Kassel, in Rengshausen, eingeliefert. Mein erstes Entweichen aus
diesem Heim hatte eine Meinungsverschiedenheit zwischen mir und
dem Direktor Görisch als Vorspiel. Daraufhin folgten 2 weitere Entweichungen.
Ich entwich immer mit dem Bestreben nach Berlin zu meinen Eltern
zu kommen. Mein Vater wanderte am 31. Oktober [1962] nach Australien aus.
Er hatte sich lange genug darum gekümmert, daß ich mitkäme, doch
die Mitnahme wurde ihm vom Berliner Jugendamt verweigert. Mein Vater
wanderte also aus ohne daß ich davon wußte, denn man hatte mir
im Heim den Briefwechsel zwischen meinem Vater und mir untersagt
im Auftrage des zuständigen Berliner Jugendamtes. Das Verbot war
mir dann doch zu viel. Ich entwich wiederum und tauchte in Hannover
unter. Ich fand auch Arbeit und hatte auch eine Wohnstatt. Ich war
nur nicht polizeilich gemeldet. Am 2. Dezember 1962 fuhr ich per Anhal-
ter von Hannover nach Schopp bei Kaiserlautern im Landkreis
Pirmasens. Ich wendete mich dort zu meiner Kousine Elisabeth
F[.........], wohnhaft [außerhalb] Schopp [Straße & Haus Nr.]. Sie
nahm mich auf und wollte mir eine neue Heimat schenken.


[ Vermerk: So weit ich mich erinnern kann, wurde das Schreiben dieser Kladde,
sowohl wie auch die Fertigstellung des besser geschriebenen (oben aufgeführten)
angefangenen Lebenslaufes, durch den plötzlichen Gerichtstermin, Anfang
Februar 1963, im Jugendgericht in Pirmasens, unterbrochen. Beide Dokumente,
obwohl unvollständig, wurden zu der Zeit, so wie sie waren, von mir dem Gericht
übergeben. Das Kreisjugendamt Pirmasens, anscheinend, verschaffte sich dann,
jeweils, Kopien davon, und schickte weitere Kopien davon an das Landes-
jugendamt Berlin und an die Anstalt Freistatt im Wietingsmoor. Dort wurde dieser Lebenslauf zu meiner Akte getan; und ich sehe ihn jetzt erst nach 43 Jahren zum ersten Mal wieder.
]


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 28. Juni 2006 ]