Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Martin Mitchell, mit rausgeschmuggeltem Brief vom 15. September 1963,
versucht seine Flucht aus der Anstalt Freistatt im Wietingsmoor
und aus Deutschland zu arrangieren,
um ins Elterhaus nach Australien zu entfliehen, und um somit der Zwangsarbeit,
der er im Bethel-eigenen Moor in Niedersachsen ausgesetzt ist, ein Ende zu setzen.
( Dieser rausgeschmuggelte Brief jedoch fiel am 24.09.1963 in die Hände der Anstaltsleitung. )

[ Abteilung 1 - Haus Neuwerk ]

[ Anstalt Freistatt ]

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Lieber Bruno!

15. September 63

Nun möchte ich Dir mal schreiben. Ich dachte ja Du tätst
mich mal besuchen aber jeden Sonntag die Enttäuschung,
daß Du nicht kamst. Hier wurde vor kurzem ein Junge ent-
lassen der hat den Brief mitgenommen und hat ihn an
Dich geschickt. Die Adresse auf dem Umschlag ist nur eine
Deckadresse; übrigens die Adresse wo wir beide in Hannover
in dem Altbau gewohnt haben. Hier werden nämlich alle
Briefe die hier rein und rausgehen gelesen. Sie gehen durch
die Zensur. Deswegen habe ich diesen Brief hier an Dich
schwarz rausgegeben. Nun zur Vergangenheit:
Als Du mich damals in Hannover verlassen hattest und
nach Cäsdorf gegangen warst habe ich mich mit „Opa” zu-
sammen getan und wir haben zusammen in dem Alt-
bau gewohnt. Wir verstanden uns aber nicht sehr gut. Wir
haben uns des öfteren gezankt. Einmal kam er Abends
und behauptete er wäre wegen mir bei der Kripo gewesen.
Man habe ihn gefragt ob er einen Martin [Mitchell] und einen
Bruno Sell kenne. Er sagte, er habe gesagt, er wüßte von
nichts; er sei aber zum nächsten Tag wieder hinbestellt. Er
behauptete Du hast mich bei der Polizei angeschissen. Jeden-
falls habe ich nachher herausbekommen, daß er mich an-
gelogen hat. Nachher haben wir uns dann verkracht, und
sind in Unfrieden von einander geschieden. Das kam
so: Ich hatte an einem Sonnabend ungefähr 50 DM
Lebensmittel eingekauft die er nach „Hause” bringen soll-
te weil ich noch etwas zu tun hatte und erst später kom-
men wollte. Er hatte aber auch noch ein paar Mark von mir.
Für das Geld hat er sich betrunken. Als ich Abends nach
„Hause” kam, mußte ich feststellen, daß die ganzen Lebensmit-
tel verdorben waren. Er war noch am helligsten Tage in den
„Bau” gestolpert, war gestürzt und hatte alles in den Dreck
geschmissen. Es war nichts mehr genießbar außer 2 Toma-
ten und 3 Büchsen Fisch. Ich schimpfte sehr mit ihm. Er
sagte er wolle mich bei der Polizei melden. Tags darauf
stahl er mir meine Aktentasche und noch mehr andere Din-
ge. Ich holte mir verschiedenes am helligsten Tage wieder zu-
rück als er schlief. Meinen Knirps ( Regenschirm ) und ver-
schiedene Kleidungsstücke hatte er versetzt. Jetzt war es ent-
gültig aus zwischen uns. Ich stahl ihm auch seine Kla-

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motten. Ich traf ihn zwar später noch des öfteren aber wir
grüßten uns nicht und ließen einander in Ruhe. Ich rich-
tete mir auf der anderen Seite des Treppenhauses das andere
kleine Zimmer ein. Ich sicherte das Zimmer indem ich in die
Tür ein Sicherheitsschloss einbaute und dann auch noch wieder
mit dem Schnappriegel und dem Draht und der rausgezo-
genen Türklinke. Dort hatte ich alle meine Habseligkeiten.
Meinen Koffer und alles andere. Ich hatte dort in dem Zim-
mer ein Bett aufgestellt was im Keller lag und hatte alles
was ich brauchte an Decken. Es war sehr schön und sau-
ber. Auch an die Wände hatte ich gelegentlich Tapete ge-
klebt. Ich war nämlich eine Woche lang arbeitsunfähig. Ich
hatte einen Arbeitsunfall, einen angebrochenen Fuß. Ich
konnte ja nicht zum Arzt gehen. Es verheilte aber wieder
von selbst. Nach einer Woche war es wieder besser sodaß
ich wieder arbeiten konnte. Ich habe zwar noch im Ja-
nuar dieses Jahres gehumpelt und habe auch jetzt noch
manchmal Schmerzen aber es geht wieder. Ungefähr 14 Tage
war ich alleine. Dann habe ich mich mit Volkmar Deike
zusammengetan. Der hat mich dann später bei der Polizei
angeschissen und hat auch meinen Koffer geklaut. Vorher war
ich aber noch eine ganze Weile mit ihm zusammen. Ich ar-
beitete 2 Wochen bei einer Firma für Haushaltsmaschinen
dann auf dem Viehhof und danach auf dem Bau. Dann
hatte ich Anfang Dezember 1963 keine Arbeit mehr. Meine
Sachen wurden zu der Zeit von Volkmar gestohlen. Obendrein
hatte ich mir noch irgendwo die Läuse zugezogen. Ich ent-
schloss mich aus Hannover zu verschwinden. Mit 10 DM
in der Tasche fuhr ich über Köln per Anhalter in die Pfalz
zu Verwandten nach Schopp bei Kaiserlautern. Sie
nahmen mich mit offenen Armen auf. Ich nahm dort auch
Arbeit als Aushilfe in einer Möbelgestellfabrik auf. Ich gab
mich für 19 jährig aus. Ich meldete mich auch polizeilich an
und stellte einen Antrag auf einen Personalausweiß. Das
Weinachtsfest verbrachte ich bei meinen Verwandten. Dort
erfuhr ich auch wo mein Vater ist. Er ist am 31 Oktober 1962
nach Australien ausgewandert. Er wohnt jetzt bei Adelaide
in Südaustralien. Er hat dort ein Haus und ein Grundstück
und es gefällt ihm dort gut. Seine Adresse lautet:

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Mr. John [Mitchell]
42 Brooklyn Avenue
Salisbury
South Australia
Wenn Du mal von ihm Post bekommst brauchst Du Dich nicht
zu wundern. Ich habe ihm geschrieben, daß ich Dich hier wieder
getroffen habe aber leider so schlecht mit Dir in Verbindung
treten kann. Bei meinen Verwandten war ich bis zum
10. Januar 1963. Dann flog alles auf. Ich hatte eine neue
Bohrmaschine in der Firma gestohlen; das kam herraus.
Ich wollte diese Bohrmaschine zu Gled machen. Ich hatte
schon eine ganze menge Geld gespart. Damit wollte ich zusam-
men mit meinem Bruder nach England gehen, dort um Asyl
bitten und mich an die dortigen Behörden wenden die mir
bestimmt geholfen hätten. Wie Du weißt bin ich doch Hei-
matloser Ausländer. Ich habe nur einen Fremdenpass und
darf keinen Personalausweiß besitzen. Es scheiterte also
alles auch die Ausstellung des Personalausweises. Ich
kam ins Untersuchungsgefängnis Zweibrücken / Pfalz.
Dort war ich 4 Wochen. Am 6. Februar 1963 hatte ich Termin.
Der Richter hatte Verständnis für mich. Ich hatte ihm mein
Schicksal beiderseitig auf 12 Din A4 Seiten in Kleinschrift
beschrieben, geschildert. Auch die dortige Zeitung hatte über
mich unter dem Thema: „Junge wollte zu seinem Vater
nach Australien.” Etwas geschrieben. Der Richter verhän-
gte lediglich einen 3 wöchigen Jugendarrest den er als
verbüßt erklärte. Nach dem Termin war ich sofort frei.
Ich ging zu meinen Verwandten zurück. Dort wurde ich am
8. Februar 1963 von der Polizei abgeholt. Ich entwich vom
Polizeirevier und begab mich wiederum zu meinen Ver-
wandten. Trotzdem ich krank, bettlägerig war holte mich
die Polizei mit Gewaltanwendung wieder dort ab, am 9.
Februar 1963. Ich wurde 42 Std. lang eingesperrt ohne jeg-
lichen Befehl der Justizbehörde. Am 11. Februar 1963 einem
Montagmorgen wurde ich dort um 5.00 Uhr Morgens abge-
holt und hier her nach Freistatt gebracht mit dem Zug
unter 2 Mann Bewachung. Ich kam in das „Haus Moor-
hort”. Dort entwich ich nach 14 Tagen. Ich lief die ganze
Nacht bei 15° Kälte bis kurz vor Minden. Dort hielt ich ein
Auto an. In dem Auto war jemand von der Kriminal-
polizei. Ich kam wieder nach Freistatt zurück in das „Haus
Neuwerk: das neue Gebäude an der Bahn hinter „Wegwende”

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Hier bin ich schon seit 5 Monaten. Am 4. Juli bin ich hier
abgehauen. Man erwischte mich aber in Sulingen wieder.
Ich habe mich anständig gewehrt und um mich geschlagen
Ich wollte nicht mehr hier her zurück. Man hat mich ge-
würgt und mißhandelt. Man brachte mich unter Zwang
mit Handschellen wieder hier her zurück. Ich habe mir na-
türlich vorgenommen sobald wie möglich wieder abzuhau-
en. Aber ich hatte noch keine Gelegenheit. Mein Vater will un-
bedingt daß ich zu ihm komme und ich will auch unbe-
dingt zu ihm. Auch die Auswanderungsbehörde hat mir
geschrieben ich soll mich bei ihr vorstellen, aber man
läßt mich nicht hin. Das Jugendamt will nicht. Nun
bitte ich Dich mir zu helfen. Ich habe doch damals auch
einen guten Plan entworfen als ich in dem Heim bei
Kassel war und hab ihn dann nach Haus geschrieben
besser gesagt hätte ihn weggeschickt aber es war nicht
mehr nötig da ich ja schon vorher wieder abgehauen bin
und nach Hannover kam. Ich hab Dir dort den Brief
zum lesen gegeben; kannst Du Dich noch dran erinnern?
war er nicht gut durchdacht? Er hätte bestimmt
geklappt. Was mein Hirn ersinnt klappt immer; dazu
bin ich ja „schwererziehbar” wie das Jugendamt immer
behauptet. Wenn ich draußen bin werde ich Dich mit
Geld irgendwie unterstützen. Ich kann Dir hier aber keine
Geldsummen versprechen da ich nicht weiß wie ich später
bei Kasse bin denn ich brauche ja auch Geld für die Über-
fahrt nach Australien. Wenn Du aber diese meine Wünsche
die ich Dir jetzt gleich nennen werde zur Befriedigung er-
füllst kannst Du meinem Vater schreiben und ich werde
ihm dann auch schreiben, daß er Dir etwas Geld hier
nach Deutschland überweist. Wohlgemerkt! Ich möchte
hier keine großen Versprechungen machen die ich viel-
leicht später nicht halten kann.
Meine Wünsche an Dich: Besorge mir schnellstens ein
Eisensägeblatt. Ferner benötige ich 1 Hose, 1 Jacke, 1 Paar
Schuhe Größe 42 oder Gummistiefel und einen Hut. Ein
Hemd, Strümpfe und Unterwäsche wäre ja auch ange
bracht aber ich weiß ja nicht ob Du sowas entbehren kannst.
Wohlgemerkt die Sachen brauchen nicht neu zu sein; sie brau-
chen nur zum arbeiten gut sein. Den Hut brauche ich

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[ nur eine halbe Seite ]


unbedingt damit ich gleich etwas älter aussehe. Die
Eisensäge kannst Du mir auf dem Sportplatz unauf
fällig übergeben. Wir spielen Sonntags immer Fußball,
ich selbst nicht; kommst einfach dort hin und wir un-
terhalten uns ein bißchen und dann gibst Du mir un-
auffällig die Säge. Denk dran und vergess mich nicht.
Wenn Du es nicht tun willst so komme aber trotzdem zum
Sportplatz um Bescheid zu geben. Ich weiß aber daß
Du es tust!? Ich kann mich doch auf Dich verlassen!? Wir
sind doch alte Freunde. Ich rechne sehr stark auf Deine
Hilfe. Du kannst mich doch bestimmt verstehen. Ich habe
Heimweh! Ich muß unbedingt zu meinen Eltern.
Die Klamotten lege an einer bestimmten Stelle zurecht
und sage mir dann wo sie sind. Wenn Du Deine Sache
gut machst bin ich bald wieder einer freier Mensch. Eins ver-
spreche ich Dir: Du kannst Dich auf mich verlassen.
Ich werde nie kundtun wer mir geholfen hat. Wir haben
doch immer und in aller Not zusammengehalten.

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[ (Ab)schluss und Postscript ]


Bitte tue mir den Gefallen !


Es grüßt Dich herzlich



Dein treuer Freund


Martin [ Mitchell ]


PS. Ich rechne damit, daß Du am Sonntag den 22.
September 63 zum Sportplatz kommst. Sollten wir
aber dann gerade nicht spielen so versuche es den
nächsten Sonntag darauf noch einmal.


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 30. Mai 2006 ]