Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Ein in Anstalt Freistatt im Wietingsmoor von – sich aus Diakonen und Pastoren
zusammensetzenden – "Wachmannschaften" geführter "Beobachtungsbogen",
bezüglich den "Fürsorgezügling" / "
Fürsorgehäftling" / "Arbeitszwanghäftling"
Martin Mitchell, der von Anfang Februar 1963 bis Ende Dezember 1963
dort interniert war und dort zur unentlohnten Arbeit gezwungen wurde.



Datum


Beobachtungen und Bemerkungen



[ HAUS M O O R H O R T ]


11.02.63








25.02.63





27.02.63


Der Junge wurde uns heute von 2 Herren des Jugendamtes
Pirmasens [die ihn wahrend einer Zugreise von dort aus
begleitet haben
] zugeführt. Er zeigte sich sehr aufgebracht.
Sein Wunsch war es, sofort auf die Zelle gebracht zu werden.
Arbeiten werde er nicht. Er fühlt sich als staatenloser Aus-
länder und ist der Ansicht, deswegen habe der Staat kein Recht,
ihn in ein Heim einzuweisen ["während" seine "Eltern in Australien"
seien].

Wider Erwarten fügte sich der Junge in die Heimordnung gut
ein. Seine Arbeitsleistungen [unter strenger Bewachung, beim
Parkplatzbau, bei gefrorenem Boden, gegenüber dem Torfwerk
]
sind guter Durchschnitt. Zu den Erziehern ist er höflich. Ordnung
und Sauberkeit sind gut
.

Der Junge ist am 26.2. aus dem Toilettenfenster der unteren
Station [im ersten Stockwerk] entwichen, wurde heute von
Minden [an der Weser, in Hessen], wo er inzwischen
aufgegriffen wurde, dem Hause Neuwerk zugeführt.
– –.– – – – – – – – – – – – – – – – –.– – – – – – – – – – – – – – – – –.–



HAUS N E U W E R K


27.02.63


Nach Entweichung aus Moorhort wurde Martin [Mitchell] am 27.2.63
bei uns aufgenommen. Bei der Aufnahme war er sehr erregt und
weinte. Mit den gleichen Argumenten wie in Moorhort (s. oben)
opponierte er gegen die Heimeinweisung. In seinem Notizbuch
fand man eine Eintragung von ihm: "Ich will mich aufmachen und
zu meinem Vater gehen – – nach Australien!"
Er erklärte offen,
bei der nächsten Gelegenheit würde er fortlaufen. Schließlich
fing er sich wohl, war höflich und tat, was ihm gesagt wurde
und gab seine kindisch-störische Haltung auf. Bei der Arbeit
im Torffeld
tat er in den ersten Tagen, als sei er kräftemäßig
überfordert, weinte und wollte die Arbeit verweigern. Seinen
Demonstrationen wurde mit Festigkeit [bzw. "Körperlicher
Züchtigung"
schlichtweg "Verprügelung"] begegnet. –


Gewicht 70 kg


7.6.63


Wegen Halsbeschwerden wurde Martin im April dem HNO-Arzt vor-
gestellt.
[
٪ ]
Am 26.4.63 hatte Martin Termin vor dem Amtgericht Sulingen und
wurde zu 4 Wochen ["]Dauerarrest["] verurteilt, den er bis 9.6 [in völliger Isolation in einer vollständig leeren Zelle in unserer Anstalt Freistatt**] verbüßt. –
[
٪ ]
Obwohl Martin inzwischen bedeutend ruhiger geworden ist, ist die
Oppositionsstufe doch noch stark ausgeprägt.
[
٪ ]
Anordnungen widerspricht er zunächst leicht, lenkt dann aber auf-
grund seiner Erfahrungen [mit vorherigen ihm auferlegten
Bestrafungen
und "körperlichen Züchtigungen"] ein.
[
٪ ]
Bei der [unentlohnten] Arbeit [im Moor, in der Landwirtschaft, im
Garten
, im Straßenbau oder im Hausbetrieb] ist Martin gründlich,
aber langsam. Wettbewerb mit anderen ["Fürsorgehäftlingen", in
der ihnen aufgezwungen Akkordarbeit
, die wir sie antreiben im Laufschritt, zu verrichten] spornt ihn an.
[
٪ ]
Unter den Jungen ist er ein ausgesprochener Einzelgänger, er hat
niemanden, mit dem er sich auch nur besser verstünde. Darum sitzt
er in der Freizeit fast ausschließlich im Leseraum [die einzige
Nichtraucher-zone
; einem Bereich wo wir auf absolutes Sprech-
verbot bestehen –
] und liest oder schreibt.
[
٪ ]
Martin ist Nichtraucher.
[
٪ ]
Sein Hobby ist Technisches Zeichnen. –
[
٪ ]
Martin ist starker Esser, ißt dabei aber sehr manierlich und offenbar
immer mit Genuß
.
[
٪ ]
Ornung und Sauberkeit sind bei Martin sehr gut, er wäscht
sich gründlich, pflegt sich sehr, macht sein Bett tadellos.
Er zwingt sich zur Einordnung in das Heimleben, was ihn
offenbar viel Kraft kostet. –
[
٪ ]
Martin hat einigen Briefwechsel, auch vom Vater aus Australien hatte er Post.

Gewicht 70 kg


23.8.63


Am 4.7.63 entwich Martin, als er mit anderen Jungen unter Aufsicht
sicht eines Erziehers vom Zahnarzt [im Dorf] ins Haus ["Neuwerk"]
zurückgehen sollte. Er wurde am gleichen Tage abends in Sulingen aufgegriffen und zurückgeführt (ausführlicher Bericht s. Akte).
[
٪ ]
Martin findet sich nach wie vor nicht mit seiner Heimunterbringung ab.
Er ist ["]egozentrisch["] und ["]rechthaberisch["].[
Schreiber unbekannt ]
[
٪ ]
Mit der Wahrheit nimmt er es nicht genau. [
Schreiber unbekannt ]
[
٪ ]
Charakterliche Änderung dürfte kaum zu erwarten sein.
[
٪ ]
Martins Arbeitsleistungen sind in letzter Zeit etwas besser geworden.
Reinigungsarbeiten im Hause führt er sehr gewissenhaft aus,
nimmt sich allerdings sehr viel Zeit dafür.
[
٪ ]
Auch in der Freizeit ist Martin pausenlos beschäftigt; er schreibt
(auffalled "gestochene" Schrift), er malt und füllt die Zeit sinnvoll aus.
[
٪ ]
Im [einmal wöchentlichen, halbtäglichen] "Berufschulunterricht" ist
Martins Betragen gut, er ist sehr ruhig, zur Mitarbeit aufgefordert,
hat erstehts eine Antwort bereit und zeigt so, daß er immer bei der
Sache
ist.

Gewicht 69,5 kg


8.11.63

Das Landesjugendamt Berlin hat Martin mitgeteilt, daß es nicht
mehr gegen seine Auswanderung nach Australien sei
und daß das
Erforderliche eingeleitet worden ist. Seit dieser Nachricht ist
Martin wesentlich ausgeglichener geworden und beschäftigt sich
offenbar nicht mehr mit Entweichungsplänen. Gleichzeitig sind
seine Arbeitsleistungen auch gestiegen.
[
٪ ]
In der Freizeit ist er stehts vernünftig beschäftigt. Beim
basteln arbeitet er sehr sauber und päzise
.
[
٪ ]
Im [einmal wöchentlichen, halbtäglichen] "Berufschulunterricht"
ist Martins Betragen befriedigend, in der Mitarbeit ist er etwas groß-
zügiger geworden und handelt oft eigenmächtig. –

Gewicht 72,5 kg


19.12.63


Martin wurde heute nach Berlin-Schlachtensee (Jugendhof) verlegt.


[**
Nur eine Bible tagsüber und ein Faltbett des Nachts waren ihm erlaubt während des "Dauerarrests".]


[ Kommentar des "Fürsorgehäftling", Martin Mitchell, 43 Jahre später:

Keiner dieser "Beobachtungen" / "Bemerkungen" betreffend den "Fürsorgezögling"
"Fürsorgehäftling" Martin Mitchell, ist damals von jemand unterzeichnet worden;
und es läßt sich daher, heute, nicht mit Sicherheit feststellen, wer diese "Bemer-
kungen" damals geschrieben hat, oder von wie vielen verschiedenen Leuten diese
"Bemerkungen" geschreiben wurden.

Nur eins ist sicher, keiner dieser "Berichterstatter" war ein ausgebildeter Psychologe,
Pädagoge oder Erzieher !!!


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 12. Juli 2006 ]