Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Günther Korz: "Verwaltete Jugend" (1971).
Freiwillige Erziehungshilfe und Fürsorgeerziehung unter den
verschiedenen politischen Systemen in Deutschland zwischen 1922 und 1990


[ Enthoben aus dem Internet @ http://www.gmh.dgb.de/main/pdf-files/gmh/1971/1971-11-a-701.pdf ]

Günther Korz


Verwaltete Jugend

Zu was erzieht die öffentliche Erziehung?

Günther Korz wurde 1943 in Kielce (Polen) geboren, hat nach kaufmännischer
Lehre und einem Jahr Berufsarbeit ein Jahr „gegammelt". Anschließend
besuchte er das Abendgymnasium und arbeitet zur Zeit als freier
Journalist in Köln.

In der Bundesrepublik unterliegen rund 45 000 Jugendliche der öffentlichen Erziehung.
Teils aufgrund von Fürsorgeerziehung, teils im Rahmen der Freiwilligen Erziehungshilfe.
Während der Fürsorgeerziehung ein Beschluß des Vormundschaftsgerichts
vorausgeht, wird die Freiwillige Erziehungshilfe auf Antrag der Erziehungsberechtigten
eingeleitet. Die Zahl der Jugendlichen, die der Fürsorgeerziehung unterliegen, sinkt
ständig, gleichzeitig steigt der Anteil derjenigen, bei denen "Erziehungshilfe" von den
Erziehungsberechtigten beantragt wurde. Darauf ist der Gesetzgeber mächtig stolz. In
der Bundestagsdrucksache IV/3515 heißt es wörtlich:

"Der Freiwilligen Erziehungshilfe wird vor der Fürsorgeerziehung unbedingt der Vorzug
gegeben; . . . Die Freiwillige Erziehungshilfe will optimal günstige Voraussetzungen für ein
enges Zusammenwirken mit dem Elternhaus schaffen. Die Familie wird am Erziehungsgeschehen
beteiligt, so daß die spätere Rückkehr des Kindes bzw. Jugendlichen in das Elternhaus eher und
leichter erreicht werden kann. . . . Da sie (die Eltern) sich freiwillig für die öffentliche Erziehung

701

entscheiden können, müssen sie nicht länger den Makel tragen, daß ihnen die Kinder zwangsweise
genommen werden."

Für den einzelnen Jugendlichen hat dies kaum Bedeutung, da in den Heimen bei der
Behandlung von Jugendlichen der Fürsorgeerziehung und der Freiwilligen Erziehungshilfe
kein Unterschied besteht. Und die Zusammenarbeit mit der Familie? Ich habe
jedenfalls oft genug erlebt, daß entlaufene Heimzöglinge selbst nicht genau wußten, ob
Fürsorgeerziehung oder "Erziehungshilfe" über sie verhängt worden war. So schön sich
der Text liest, in Wirklichkeit handelt es sich um eine Scheinliberalisierung.
Die etwa 45 000 in Erziehungsheimen lebenden Jugendlichen sind eine Randgruppe
der Gesellschaft. Praktisch allein gelassen, sind sie einem nahezu allmächtigen Verwaltungsapparat
ausgeliefert. Sie haben keine Lobby. Keine Partei und keine Gewerkschaft
vertritt ihre Interessen. Niemand klärt sie über ihre bescheidenen Rechte auf. Erst in
jüngerer Zeit haben sich vereinzelt Gruppen gebildet, die sich mit den Problemen der
öffentlichen Erziehung befassen. Wenngleich das allgemeine Interesse an der öffentlichen
Erziehung gering ist, so kann deren Rückwirkung auf gesamtgesellschaftliche Bezüge gar
nicht überschätzt werden. Untersuchungen über die Herkunft der Jugendlichen in Fürsorgeerziehung
haben ergeben, daß 75 % der männlichen und 80 % der weiblichen Jugendlichen
aus Arbeiterfamilien stammen. Die Anzahl von unehelichen Kindern unter
den Heiminsassen beträgt ein Vielfaches ihres Anteils an der Gesamtbevölkerung. Bei
näherem Hinsehen zeigt sich sehr schnell die politische Bedeutung der Heimerziehung. Sie
ist in zweifacher Weise ein Disziplinierungsinstrument der Herrschenden gegenüber der
Arbeiterjugend.

Zum einen wirkt die Fürsorgeerziehung mit ihren zahllosen Zwängen und Isolierungen
disziplinierend auf die Insassen der Heime. Die Hauptaufgabe der Heime besteht
darin, den "auffällig gewordenen" Jugendlichen mit allen Mitteln anzupassen. Sie ist
eine totale Erziehung — rund um die Uhr. Das Jugendarbeitsschutzgesetz hat in den
Heimen keine Gültigkeit. Als Rechtfertigung dient § 1 (2) 1 JArbSchG; er lautet:
"Ausgenommen ist eine Beschäftigung, mit der überwiegend Zwecke der Erziehung, ...
verfolgt werden. " In den Heimen dient schließlich alles der Erziehung. Eine miserable
Entlohnung — oft erhält der Zögling nur ein Taschengeld von 5 DM je Woche — ist pädagogisch
unhaltbar. Sie verschlechtert das ohnhin meist gestörte Verhältnis zur Arbeit
und macht die Einübung des Umgangs mit Geld unmöglich. In ähnlicher Weise werden
noch eine Reihe anderer Rechte, zum Teil Grundrechte, ausgeschaltet. Kontakte nach
draußen werden beschränkt durch Ausgangs- und Besuchsregelung, Post- und Zeitungskontrolle.
Selbst die spärlich bemessene Freizeit ist stark reglementiert. Wer sich dem
verordneten Freizeitangebot nicht fügt, gilt als "interesselos" und hat mit Sanktionen zu
rechnen. Der Aufbau einer privaten Rückzugssphäre wird weitgehend unmöglich gemacht.
Entweder wird der Jugendliche mit der Zeit zum "bequemen Untertan" abgerichtet,
oder er lehnt sich auf und flieht. (Nach Aussagen des Landschaftsverbandes
Rheinland ist es als normal zu betrachten, wenn 10% der Heiminsassen auf der Flucht
sind.) Dies bringt eine erhebliche Gefahr der Kriminalisierung mit sich.

Zum anderen ist die Fürsorgeerziehung als Disziplinierungsinstrument für die gesamte
Arbeiterjugend von größter Bedeutung. Zwar gelten Fürsorgeerziehung und Freiwillige
Erziehungshilfe nach den entsprechenden Bestimmungen nicht als Strafe, doch
werden sie von den betroffenen Jugendlichen, wie von der Gesellschaft als solche empfunden.
So schwebt die Drohung einer Heimeinweisung über jedem Jugendlichen, der
nicht im Sinne der gesellschaftlichen Regeln funktioniert. Außerdem vermittelt das Bestehen
der Heime den in "Freiheit" lebenden Jugendlichen trotz aller Pression und
Ausbeutung in ihren reglementierten Berufs- und Freizeitsphären das Gefühl, nicht
auf der untersten Sprosse der Sozialleiter zu stehen — denen im Heim geht es ja

702

noch viel schlechter. So werden die Heimzöglinge wie andere Randgruppen dazu benutzt,
in der Arbeiterschaft ein "lower-middle-class-Bewußtsein" zu schaffen, das ihre
wahre Interessenlage verschleiert.

Es sind nicht nur die Spannungen der Gesellschaft, denen der Zögling in besonderem
Maße ausgesetzt ist, auch die Struktur der Heime selbst setzt Jugendliche wie Erzieher
besonderen Spannungen aus. Die undemokratische Organisation der Großheime verursacht
Rivalitäten und Konflikte, die nur zu oft auf dem Rücken der Zöglinge ausgetragen
werden. Teamwork wird auch heute noch sehr klein geschrieben. Die einzelnen
Gruppen in der Heimhierarchie führen weitgehend ein Eigenleben. Nicht selten stehen sie
gegeneinander. Ein kurzer Blick auf den Aufbau dieser Heime mag dies verdeutlichen.

An der Spitze eines Heimes steht der Direktor. Er soll akademisch vorgebildet sein.
Bei den Heimen in freier — sprich konfessioneller — Trägerschaft ist dies in der Regel
ein Geistlicher oder eine Ordensschwester. Über ihre spezielle Qualifikation für die
öffentliche Erziehung ist wenig bekannt. Bei den konfessionellen Heimen steht dem
Direktor ein Vorstand zur Seite. Sie erarbeiten und überwachen die Erziehungskonzeption,
die Heimordnung und die mündlichen oder schriftlichen Anweisungen an die untergeordneten
Mitarbeiter. Außerdem obliegt ihnen die Leitung der Geschäftsführung und
Verwaltung. Dies wird leider nicht selten dazu benutzt, unter Vorwand der Arbeitsüberlastung
die erzieherischen Aufgaben nicht genügend wahrzunehmen. Den Mittelbau
bilden die Heimleiter, ihnen unterstehen eine Hausgemeinschaft und die Stationserzieher.
Dieser Mittelbau soll aus vollausgebildeten Sozialarbeitern bestehen. Ihnen folgen die
Gruppenerzieher (Erziehungshelfer mit Kurzausbildung) — letztes Glied in der Kette
sind natürlich die Zöglinge.

Ein besonderes Eingehen auf die konfessionellen Heime ist erforderlich, da sie in der
öffentlichen Erziehung eine große Rolle spielen. In Bayern z. B. unterstehen 85 % der
für Fürsorgeerziehung und Freiwillige Erziehungshilfe anerkannten Heime kirchlichen
Trägern, und im Bereich des Landschaftsverbandes Rheinland gibt es kein einziges staatliches
Mädchenheim! Die fachliche Qualifikation der Heimerzieher entspricht bei weitem
nicht den Soll-Vorstellungen, was Hanns Eyferth an eindrucksvollen Zahlenbeispielen
belegt
1).

Oft haben gerade die Sozialarbeiter im Mittelbau der Heime ein recht gutes Verhältnis
zu den Zöglingen, während bei Vorstand und Erziehungshelfern nicht selten ein
übersteigertes "law-and-order"-Denken festzustellen ist. Von jungen Sozialarbeitern
gingen auch in den sechziger Jahren Reformversuche aus, doch die meisten haben inzwischen
vor den verkrusteten Institutionen kapituliert. Überlange Arbeitszeit und
schlechte Bezahlung taten ein Übriges. Zu welchen Fehlleistungen es in diesen Heimen
kommen kann, soll nachstehender Bericht von Barbara M. zeigen:
"Im Erziehungsheim 'Guter Hirte', Köln-Junkersdorf, in dem ich 21 Monate untergebracht
war, wurde ich ausschließlich in der Wäscherei beschäftigt. Ich erhielt einen
Stundenlohn von 75 Pf. Als ich nach etwa 4 Monaten gegenüber der Erziehungsleiterin,
Schwester A. den Wunsch äußerte, Kindergärtnerin zu werden, sagte diese, dies sei kein
Beruf für mich; ich sollte lieber in der Wäscherei arbeiten. Man wolle sich auch darum
bemühen, mir nach der Entlassung eine entsprechende Arbeit zu vermitteln.
Während meines Heimaufenthaltes wurde ich mehr als dreimal wegen Arbeitsverweigerung
unter die kalte Dusche gestellt. Dies geschah jeweils auf Anordnung der
Schwestern A. (Erziehungsleiterin), G. (Arbeitserzieherin in der Wäscherei) bzw. B. Mit
der Ausführung dieser Strafmaßnahmen wurden in der Regel die Mitzöglinge A. S. und
A. W. beauftragt. In einem Fall kam ich unter die kalte Dusche, nachdem ich mich bei
Schwester B. und Schwester G. darüber beklagt hatte, daß ich entgegen der Zusage mei-

1) „Heimerziehung in Bayern — Analyse einer Statistik", in Neue Praxis, 1/1971.

703

ner (früheren) Fürsorgerin vom Jugendamt Erkelenz schon länger als ein halbes Jahr im
Heim wäre und mich anschließend geweigert hatte, meine Arbeit in der Wäscherei fortzusetzen.
Auf Anordnung und im Beisein von Schwester G. wurde ich von A. S.
und A. W. in die Badewanne gezerrt und — nach meiner Erinnerung 15 Minuten mit
der kalten Dusche behandelt. Dies war im Winter 1969. Als Folge dieser Maßnahme
bekam ich kurz darauf Angina. Der Heimarzt führte die Angina auf die Behandlung
mit der kalten Dusche zurück . ..
2)."

Solche „Erziehungsmethoden", die an mittelalterliche Tollhäuser erinnern, sind sicher
ein Extremfall. Es ist jedoch üblich, Erziehungsgruppen so zu bilden, daß sich die
Aggressionen der Jugendlichen gegeneinander richten und so die Arbeit der Erzieher
erleichtern.

Bereits im Jahre 1969 erstellte Erhard Denninger, Ordinarius für öffentliches
Recht in Frankfurt, ein elf Seiten umfassendes Gutachten, in dem er die Widersprüche
zwischen den Praktiken der öffentlichen Erziehung und dem Grundgesetz aufzeigt.
Inzwischen hat sich nichts oder nur wenig geändert, so daß die Feststellungen von Prof.
Denninger noch ihre volle Gültigkeit besitzen.

"Jedes Kind und jeder Jugendliche hat ein Recht auf Erziehung (§ 1 Abs. 1 Jugendwohlfahrtsgesetz),
d. h. auf Entwicklung und Ausbildung derjenigen Fähigkeiten, die eine selbstverantwortliche
Existenz im beruflichen und im privaten Leben sowie in einer demokratischen
Gesellschaft politisch mündiger Bürger voraussetzt. "

"Erziehungsmaßnahmen und -methoden, welche nicht geeignet sind, die Fähigkeiten des
Kindes zu selbstverantwortlicher Entscheidung zu entwickeln und zu stärken, welche vielmehr
bloße Dressurakte (Eingewöhnung von Verhaltensmustern durch positive oder negative Sanktionen)
zum Inhalt haben, verstoßen gegen das Prinzip der Anleitung zur Autonomie und sind
verfassungswidrig."

Im weiteren wird darauf hingewiesen, daß elterlicher und staatlicher Erziehungsauftrag
zu unterscheiden sind. So hat der Staat kein Recht, dem Kind oder Jugendlichen
eine an einem bestimmten weltanschaulichen Leitbild inhaltlich fixierte Erziehung aufzuzwingen.
Das Recht auf eine den Begabungen und Neigungen des Jugendlichen
entsprechende Berufsausbildung, wie es Denninger postuliert, ist von größter Bedeutung.
Leider überwiegt in den Heimen noch oft der Trend zur Ausbildung in klassischen
Berufen mit wenig Zukunftsaussichten. Dies hängt wohl nicht zuletzt mit der abgeschiedenen
Lage vieler Erziehungsheime zusammen.

"Jugendliche, die keine abgeschlossene Berufsausbildung erreicht haben oder eine andere zu
erhalten wünschen, dürfen in keinem Falle längere Zeit mit bloßer Routinearbeit ohne Ausbildungswert
beschäftigt werden. Derartige Arbeiten a. la Tütenkleben sind schon für einen
modernen Strafvollzug untragbar, erst recht aber in einem Heim mit Erziehungsaufgaben."
(Denninger, S. 8.)

Denninger prangert eine Reihe weiterer Rechtsanmaßungen von seiten der für die
Heimerziehung Verantwortlichen an und zeigt den Widerspruch zum Grundgesetz auf.
Er kommt zu dem Schluß: "Eine Fürsorgeerziehung, die auf dem Prinzip des Mißtrauens
statt auf dem Prinzip des Vertrauens aufbaut, kann nicht diejenige sozialisierende Wirkung
erzielen, um deretwillen der Gesetzgeber die Möglichkeiten staatlicher Erziehungshilfen
eingeführt hat."

In Erziehungsheimen, die sich am gehorsamen Untertan vergangener Tage orientieren
und nicht die frei entfaltete kritische Persönlichkeit fördern, ist lustfeindliches Verhalten
nur logisch. In den Heimen besteht eine strikte Trennung der Geschlechter, was eine
natürliche Entwicklung der Sexualität verhindert. Die Sexualerziehung ist äußerst
mangelhaft und fehlt meist ganz. So sind Verhaltensweisen, die man gemeinhin als
"knastschwul" bezeichnet, in den Heimen keine Seltenheit. Das Sexualverhalten der

2) Originalbericht im Besitz des Verfassers.

704

Jugendlichen, die aus Erziehungsheimen entlassen oder entwichen sind, ist oft erheblich
gestört. Es reicht von Kontaktschwierigkeiten und akuter Homophilie bis zum Versuch
der Überkompensation des Versäumten und zur Prostitution. Hier spielt dann auch das
gestörte Verhältnis zu Geld und Arbeit eine verhängnisvolle Rolle.

Daß die Drogenwelle mit ihrer Verheißung künstlicher Paradiese in die freudlose
Welt der Erziehungsheime eingedrungen ist, kann niemand verwundern. Hier das Beispiel
Horst K.: Als K. aus einem Heim entwichen, zum erstenmal im Republikanischen
Club Köln auftauchte, nahm er Trips so oft wie möglich. Sein Betreuer beschränkte sich
auf eine Aufklärung über die Gefahren, verzichtete jedoch auf jegliche Sanktionen. Sobald
sich Horst etwas eingewöhnt hatte, wurden die Abstände zwischen den einzelnen
"Reisen" immer länger. Schließlich waren es gut drei Wochen. Nun drängte er von sich
aus auf Legalisierung seiner Freiheit. Beim Landesjugendamt wurde ihm gesagt, daß man
im Augenblick nicht viel für ihn tun könne, er müsse sich mit dem zuständigen Jugendamt
seiner Heimatstadt in Verbindung setzen. Er bekam eine Fahrkarte und die Zusicherung
freien Geleits. Noch während er sich im städtischen Jugendamt befand, wurde
er verhaftet. Nach seiner Verurteilung wegen einer Bagatellsache, die mit der Untersuchungshaft
abgebüßt war, kam er ins Heim zurück. Dort begann er zu fixen. Er entwich
erneut und nahm Kontakt mit seinem Kölner Betreuer und mit "Release" auf. Inzwischen
ist er von der Nadel wieder ab.

Besonders gefährdet sind die aus den Heimen entwichenen Jugendlichen. Ohne
Geld, Ausweis- und Arbeitspapiere landen sie meist in den großen Städten. Ihnen bleibt
nur der Untergrund; allzuleicht werden sie Opfer von Schläger- und Zuhälterbanden.
Die Jugendämter verlassen sich weitgehend auf die Polizei, für die sich das Verfahren
der Festnahme und Rückführung als ein Kreis ohne Ende darstellt. Die zwangsweise
Rückführung in die Heime löst bei den Jugendlichen eine Protesthaltung aus, die dazu
führt, daß sie möglichst bald einen neuen Fluchtversuch machen.

Bei den entwichenen Zöglingen setzte die Arbeit unabhängiger linker Gruppen an.
Gegen den Widerstand der Behörden wurden die ersten Zöglingskollektive gegründet.
Zunächst versuchten die Behörden, diese Ansätze mit Gewalt zu zerschlagen. Aber es
war schon zu spät. Die Öffentlichkeit wachte auf. Daraufhin wechselte man die Taktik.
Mit Hilfe von vertrauenswürdig erscheinenden Personen begannen die Jugendämter mit
der Gründung von Gegenkollektiven. Während die zuerst gegründeten Kollektive an
chronischem Geldmangel litten und einige bereits daran gescheitert waren, verfiel man
bei den Gegenkollektiven umgekehrt in den umgekehrten Fehler der Überfinanzierung.
Daß ein Jugendlicher bei freier Unterkunft und einem Taschengeld von rund 300 DM
— über solche Summen konnten z. B. Zöglinge in einem Kollektiv in Köln-Ostheim verfügen
— keine große Lust zum Arbeiten empfindet, kann man ihm kaum verdenken. Ein
weiterer, oft gemachter Fehler ist es, Kollektive außerhalb der Städte oder an deren Rand
aufzuziehen. Sie werden in Verlängerung der Heime zu neuen Zöglingsgettos. Kontakte
zu Jugendlichen in "normalen" Verhältnissen sind von größter Bedeutung.

Wichtig für die Zukunft ist auch die Gründung von Kontaktzentren, bei denen die
Jugendlichen Rat und Hilfe finden, ohne befürchten zu. müssen, festgehalten zu werden.
Die ihnen aber, falls sie es wünschen, Arbeit und Wohngelegenheit verschaffen.
Eine wesentliche Einsicht hat die Arbeit mit Zöglingen noch gebracht: Bei allem
guten Willen bleibt die Einzelhilfe nur ein Tropfen auf den berühmten heißen Stein.
Eine wirkliche Lösung für die Probleme der unter öffentlicher Erziehung stehenden
Jugendlichen kann nur eine politische Lösung sein. Sie muß eine grundlegende Änderung
der Erziehungskonzeption bringen; Erziehung muß Menschen ermöglichen, die zur Selbstbestimmung
fähig sind — bislang bringt die öffentliche Erziehung allenfalls gewaltsam
angepaßte Untertanen hervor.


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.


[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 4. Juli 200 ]