Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Gerichtsurteil und Gründe dafür, vom 26. April 1963, im Jugendschöffengericht
Sulingen, im Hannoverschen, in Niedersachsen, in der
Strafsache gegen den
"beruflosen" "
Fürsorgehäftling" Martin Mitchell, z. Z. in Anstalt Freistatt interniert,
der wegen eines Diebstahls – am 5. September 1962 – eines Fahrrads
eines Erziehers, während einer Entweichung am selbigen Tage aus dem
Burschenheim Beiserhaus, in Rengshausen, bei Kassel, in Hessen,
zu 4 Wochen
"Dauerarrest" / "Jugendarrest" verurteilt wird,
welcher, ununterbrochen, in einer Zelle in Anstalt Freistatt zu verbüßen sei.

Geschäftsnummer:
9 Ls 12/63 jug.

[ Rechtskräftig seit 4. 5. 1963
Sulingen, den 8. Mai 1963
Schaefer, Justizinspektor z.A.
]


Im Namen des Volkes !

Strafsache

gegen den beruflosen Martin [ M i t c h e ll ] ,


geb. am 28.7.1946 in Berlin,
z.Zt. in den Anstalten Freistatt in Freistatt,
Krs. Grafschaft Diepholz, ledig, staatenlos,


gesetzl. Vertr.: Vormund Jugendamt des Bezirksamtes


Reinickendorf von Berlin, Berlin-Wittenau, Eich-
borndamm 219 – 234 –



wegen schweren Diebstahls [ Fahrrad aus einem Gebäude ]

________________________



Das Jugendschöffengericht in Sulingen


hat in der Sitzung vom 26. April 1963,
an der teilgenommen haben:



Amtsgerichtsrrat Blüthgen


als Vorsitzender


Haufrau Lianne Haffner, Ehrenburg
Landwirt Erich Habighorst, Ohlendorf


als Schöffen


Staatsanwalt Stoll


als Beamter der Staatsanwaltschaft


Justizobersekretär Prütz


als Urkundenbeamter der Geschäftsstelle


[ der Angeklagte ( "Fürsorgehäftling" )


erschien ohne Anwalt oder anderen, alternativen Rechtsbeistand ]



für Recht erkannt:



Martin [Mitchell] ist des schweren Diebstahls schuldig.
Statt [
einer Jugendgefängnis]Strafe [, für die sich alle seine
jetzigen "Bestimmungspersonen" einstimmig eingesetzt haben
]
erhält er [
"]Jugendarrest["] von 4 Wochen Dauer.

Kosten werden nicht erhoben.


G r ü n d e



Der 16 Jahre alte Martin [Mitchell] ist in Berlin geboren;
sein Vater ist Volksdeutscher aus Jugoslavien und
staatenlos, seine Mutter Hella [Mitchell] ist 1947 verstorben.

Martin hat eine 1 Jahr ältere Schwester Adelheid und einen 1 Jahr
jüngeren Bruder Peter. Der Vater hat wieder geheiratet, aus dieser
neuen Ehe sind 3 Halbgeschwister vorhanden. Die Familie gehört den
Zeugen Jehovas an. Der Vater hat sich bei allen Behörden in Berlin
den Ruf eines unerträglichen Querulanten erworben. Er ist mit Frau
und Kindern 2. Ehe inzwischen nach Australien ausgewandert.

Im September 1955 [als Martin 9 Jahre und zwei Monate alt war,
zur Zeit wenn die dann fünf-köpfige Familie noch in Berlin-
Tegel wohnte
] kam Martin infolge der ungünstigen Wohn-
verhältnisse der Familie in das Hauptkinderheim Berlin-Ruleben
und von da in andere Heime. Seine Erziehung litt unter der
Störung durch den Vater, so daß das Jugendamt Antrag auf Fürsorge-
erziehung
stellte [sic ? ]. Im Ergebnis wurde dem Vater [am 17.1.1957]
das Aufenthaltsbestimmungsrecht für Martin und Peter entzogen
.
Martin lief immer wieder aus den Heimen zum Vater, wurde dann im
März 1957, nachdem die Wohnverhältnisse der Familie geordneter
geworden waren, bei ihm belassen.
[
٪ ]
Er lief aber auch dem Vater [später als Jugendlicher] wiederholt davon.
Im Oktober 1960 nach Prenzlau in der SBZ, im Februar 1961 in den
sowjetischen Sektor [sic]. Die Schule versäumte er oft [sic] und blieb
Ostern 1961 in der 8. Klasse der OPZ [Oberschule Praktische Zweig]
sitzen.

Am 14.7.1961 mußte sich der Jugendrichter in Tiergarten [in Berlin] –
408 Ds 123/61 (148/61) – mit ihm befassen: Martin hatte zusammen
mit seinem strafunmündigen Bruder Peter am 2.5.1961 vom Schulhof
der Hans-Thoma-Schule 2 abgestellte Fahrräder gestohlen und damit
versucht, zu einer Tante nach Halle zu entwischen. Auch hatte er
in Berlin-Frohnau einem Bauunternehemen Steine entwendet. Man-
gels strafrechtlicher Reife mußte er freigesprochen werden, jedoch
ordenete das Gericht Fürsorgeerziehung für ihn an
. Er kam daraufhin
in das Jugendheim Haus Kieferngrund in Berlin[-Lichtenrade].
[
٪ ]
Am 2.4.1962 erkannte ihn das Jugendschöffengericht Tiergarten
in Berlin – 4 Ls 115/61 – des gemeinschaftlichen schweren Diebstahls,
gemeinschaftlichen Diebstahls in 2 Fällen und gemeinschaftlichen
Versuchten Diebstahls schuldig und belegt ihn mit 15 Tagen Dauerarrest;
die näheren Tatumstände sind hier nicht bekannt geworden.

Peter [sic = Martin] war schon vor der Schulentlassung, die im April 1962
aus der Klasse 8 OPZ erfolgte, aus dem Heim geflohen und hatte sich
[
am 24. Januar 1962] [durch Vermittlung seines Vaters] eine Maurer-
lehre gesucht
[
und bgonnen, bei Herrn Architekt und Maurermeister
Paul Skibbe
, in Berlin-Frohnau (West), Laurinsteig 8]. Diese [Maurer-
lehre
]
durfte er nach Schulentlassung vom Jugendhof aus fortsetzen [ ? ], kehrte dann aber im Sommer [ ? ] nicht mehr in den Jugendhof zurück.
[
٪ ]
In 109 PLs 1378/62 StA. Berlin war er im Verdacht, an der Arbeits-
stelle [in Berlin-Heiligensee, wo das Bauunternehmen damit beschäftigt
war eine öffenttliche Bücherei zu bauen
] leere Bierflaschen gestohlen zu
haben; das Verfahren ist eingestellt [ Das Verfahren wurde "eingestellt"
weil es eine falsche Anschuldigung eines der Bauarbeiter an der Heiligen-
seer Baustelle gewesen war !
].

Mitte Juli 1962 wurde Martin von zu Hause weggeholt [sic] und in das
[Burschenheim] Beiserhaus bei Kassel verlegt. Dort ist er mehrfach
entwichen und fand gegen Jahresende 1962 Unterschlupf bei ver-
wandten in der Gegend von Pirmasens und Arbeit in einer Pol-
sterstellfabrik. Dort gab er sich als 19-jährig aus und kas-
sierte auf diese Weise höhere Entlohnung.
[
٪ ]
Am 9.1.1963 stieg er nachts von außen in die Fabrik seines Arbeitgebers
ein und stahl eine Bohrmaschine. Er kam in [die Untersuchungs]Haft
[in Zwei-Brücken] [10.01.1963 – 06.02.1963] und wurde von Jugend-
schöffengericht Pirmasens am 6. Febr. 1963 – 3 Ls 1/63 – des Betruges
und des schweren Diebstahls schuldig befunden und mit ["]Jugendarrest["]
[auch "Dauerarrest" genannt] von 3 Wochen belegt, die durch die
erlittene Untersuchungshaft verbüßt waren. Im Anschluss daran kam er
[in die "Fürsorgehaft"] nach Freistatt, wo er sich noch befindet.

Am 5. Sept. 1962 war Martin entschlossen, aus dem [Burschen-
heim
] Beiserhaus [in Renshausen, bei Kassel, in Hessen] zu
entlaufen. Er brauchte zur schnelleren Fortbewegung
ein Fahrrad. Er verbarg sich zunächst in der Nähe des Hauses und
stieg dann in der Dunkelheit mit einer Leiter in das Werkstatt-
gebäude des Heimes ein, wo er das Fahrrad eines Erziehers wußte.
Er entwendete dieses Fahrrad, indem er es über die Leiter nach
draußen brachte. Er kam damit bis nach Wülfingen südlich von
Hannover, wo er nicht mehr weiterzufahren wagte, weil die Be-
leuchtung nicht in Ordnung war. Ein angehaltener Fernfahrer
war bereit, ihn mitzunehmen, aber nicht das Rad. Daraufhin
schloß er es ab und ließ es zurück [nachdem er es für über 14 Stunden
lang benutzt hatte
, ohne verher den Erzieher – Diakon, Bruder Schmidt –
um Erlaubnis dafür gebeten zu haben
].
[
٪ ]
Am 26.2.1963 entlief Martin aus [dem "Haus Moorhort"] [Anstalt] Frei-
statt [obwohl es Winter war, in dünner, heimeigener Anstaltskleidung]
[d. h. in "Hauszeug"]. Auf dem Wege in Richtung Minden [in Hessen]
fand er in einer Scheune Unterschlupf. Dort fand er einen abgetragenen
Frack, der nach seinen unwiderlegten Angaben zerschlissen und
wertlos war, und den er über seine eigene Kleidung anzog und
mitnahm [um nicht zu erfrieren].

Diese Feststellungen sind in der Hauptverhandlung getroffen
aus den Angaben des Angeklagten, der zu der Herkunft und Werdegang
auch die hier aufgenommenen Einzelheiten bestätigt hat, ferner
aus den Akten 408 Ds 123/61 AG. Tiergarten, 109 Ju Pls 1378/62
StA. Berlin.

Martin [Mitchell] hat sich erneut wegen schweren Diebstahls zu
verantworten, §§ 242, 243 Abs. 1 Nr. 1 StGB. Die Entwendung des
Fahrrades aus einem verschlossenen Gebäude [einem Werkstattgebäude
im Burschenheim Beiserhaus
, in Renshausen, bei Kassel, in Hessen],
in das er [am frühen Morgen am 9. September 1962] über eine
Leiter eingestiegen war, erfüllt den Tatbestand dieser Bestim-
mung. Der Angeklagte hat das Fahrrad auch nicht lediglich zu
vorübergehendem Gebrauch entwendet, er wollte es vielmehr
so lange benutzen und es wie ein Eigentümer ausnutzen, als es
ihm dienlich sein konnte. Er hat schließlich wie ein Eigentümer
darüber verrfügt, indem er es seinem Schicksal überlies. –

Dagegen ist nicht mit Sicherheit festzustellen, daß der [am 26.2.1963]
aus der Scheune entwendete Frack überhaupt noch irgend einen Wert
für seinen Eigentümer besessen hat. Deshalb war der Junge hier
von dem Verdacht des Diebstahls mangels sicheren Tatnachweises
freizusprechen.

Mit 16 Jahren ist Martin [Mitchell] Jugendlicher. An seiner
strafrechtlichen Verantwortlichkeit im Sinne des $ 3 JGG zu
zweifeln, ist kein Anlaß mehr gegeben. Schädliche Neigungen
von krimineller Intensität sind nicht festzustellen. Der Junge
ist voller Opposition gegen die Autorität der Behörden und der
Erwachsenen überhaupt, was warscheinlich von seinem Vater ge-
nährt, mindestens aber durch dessen Beispiel gefördert worden
ist.
[
٪ ]
Der Diebstahl [des Fahrrades am 9.9.1962] entspricht nicht einem Ver-
brecherischen Aneignungstrieb, vielmehr ist es die Tat eines von unge-
stümem Freiheitsdrang besessenen Heimzöglings, dem jedes Mittel zur
Erreichung und Sicherung der Freiheit recht ist. Jugendstrafe [bzw. eine
Jugendgefängnisstrafe
] war daher nicht geboten. Es genügte vielmehr
das Zuchtmittel des
["]Dauerarrests["], zumal der bisher zweimal ver-
hängte ["]Dauerarrest["] infolge Anrechnung von Untersuchungshaften
tatsächlich nicht zur Auswirkung gelangt ist und man sich von wirklich
vollstrecktem ["]Dauerarrest["] deshalb noch eine Wirkung auf den Jungen
versprechen darf.
[
٪ ]
Es mußte [im Fall dieses Farraddiebstahls in Hessen am 9.9.1962]
allerdings schon ["]Jugendarrest["] [bzw. "Dauerarrest"] von der
höchst zulässigen Dauer
sein, wenn er sein Ziel erreichen soll,
dem Jungen einen eindringlichen Denkzettel zu geben
und ihm klarzumachen, daß er für alle seine Fehlhandlungen
ohne Nachsicht einzustehen hat und letzten Endes immer aus-
löffeln muß, was er sich einbrockt. –
[
٪ ]
Wegen der Kosten ist § 74 JGG angewendet.


Blüthgen

[ Siegel ]

Ausgefertigt:
Sulingen, den
7. Mai 1963
P r ü t z (Prütz)
Justizobersekretär
als Urkundsbeamter in der Geschäftsstelle
des Amtsgerichts.



Vorstehendes Urteil ist seit dem 4.5.1963 rechtskräftig
und vollstreckbar



Sulingen, den 8. Mai 1963



S c h ä f e r
(Schäfer)
Justizinspektor
als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle
des Amtsgerichts.


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 12. Juli 2006 ]