Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Gerichtsurteil und Gründe dafür, vom 14. Juli 1961, im Jugendgericht –
Amtsgericht Tiergarten in Berlin – in der
Strafsache gegen den Schüler
Martin Mitchell
der wegen "mangelnder Verantwortungsreife freigesprochen" wird.
"
Zum Schutze des Jungen" wird "die Fürsorgeerziehung angeordnet".

A b s c h r i f t

von beglaubigter Abschrift

Gesch. Nr.:
408 Ds 123/61 Jug.

Rechtskräftig seit 22. Juli 1961
Berlin, den 4. August 1961
Hapke, Justizinspektor z.A.


Im Namen des Volkes

Strafsache gegen den Schüler Martin [ M i t c h e ll ] ,


Geboren am 28. Juli 1946 in Berlin,
wohnhaft in Berlin-Frohnau, [Straße
und Hausnummer],

– zur Zeit untergebracht im Haus Kiefern-


grund –


gesetzlich. Vertreter: Vater Johann [Mitchell]


wohnhaft in Berlin-Frohnau, [Straße
und Hausnummer]



wegen Diebstahls [ (1.) zwei "Fahrräder"; (2.) "Mauersteine" ].

________________________


Das Amtsgericht Tiergarten in Berlin - Jugendgericht


hat in der Sitzung vom 14. Juli 1961,
an der teilgenommen haben:



Amtsgerichtsrätin Schönfelder


als Jugendrichterin



Amtsanwalt Basel


als Beamter der Staatsanwaltschaft



Justizassistent Dräse


als Urkundenbeamter der Geschäftsstelle



für Recht erkannt:



Der Angeklagte wird wegen mangelnder
Verantwortungsreife
[ – ] § 3 JGG [ – ] freigesprochen.



Als Erziehungsmaßregel wird die Fürsorgeerziehung
angeordnet
[ "Diese Maßnahme ist erforderlich, [1.] um der zweifellos drohenden Verwahrlosung dieses Jungen
zu begegnen und
[2.] um andererseits seine Erziehung
für die Zukunft sicherzustellen, da es an einer geeigneten
Erziehungsperson für ihn mangelt."
]


G r ü n d e

Der Angeklagte Martin [Mitchell] ist am 28.7.1946 geboren.
Er ist Jugendlicher nach den Bestimmungen des Jugendgerichts-
gesetzes. Hinsichtlich seiner strafrechtlichen Verantwortlich-
keit wurde als Sachverständiger der Diplom-Psychologe Tamborini
gehört.

Der Angeklagte entstammt schwierigen häuslichen Verhältnissen.
Er ist das zweite von [sic = sechs] Kindern. Die Mutter ist im Jahre 1947
verstorben. Martin hat keine Erinnerung an sie. Der Vater gehört
der Glaubensgemeinschaft Zeugen Jehovas an. Ihm ist am 17.1.1957
vom Amtsgericht Wedding das Aufenthaltbestimmungsrecht für Mar-
tin entzogen worden
.

Nach dem Tode der Mutter hat der Vater wieder geheiratet. Die
Stiefmutter hat ein recht gutes Verhältnis zu Martin. Der Junge
hat vorgetragen, recht häufig vom Vater übermäßig geschlagen wor-
den zu sein.

In der Schule ist Martin einigermaßen mitgekommen, im letzten
Jahr wurde er jedoch nicht versetzt.

In der letzten Zeit hat der Angeklagte es schon öfter ver-
sucht, von zu Hause wegzulaufen. Zuletzt hatte er den Plan ge-
faßt, zusammen mit seinem Bruder Peter zu einer Tante nach Halle
auszurücken. Martin ließ keinen Zweifel daran, daß er immer wie-
der versuchen werde, wegzukommen, wenn man ihn zwingen werde, wie-
der nach Hause zu gehen.

Der Angeklagte ist unvorbelastet.

Im vorliegenden Verfahren ist er überführt und geständig, am 2.5.
1961 gemeinschaftlich mit seinem strafunmündigen Bruder Peter vom
Hof der Hans-Thoma-Schule [in Berlin-Hermsdorf] von den Schülern
Lutz P[......] und Ferdinad L[.......] dort abgestellte Fahrräder entwendet
zu haben.

Weiterhin ist der Angeklagte überführt, am 24. April 1961 in Ber-
lin Frohnau dem Bauunternehmer Fritz R[.......] von dem Baugrundstück
[Straße und Hausnummer] verschiedene Mauersteine entwendet zu haben.
[
٪ ]
Der Angeklagte hat sich durch diese Verhalten des Diebstahls in
zwei Fällen
schuldig gemacht, indem er fremde bewegliche Sachen
anderen in der Absicht rechtswidriger Zueignung wegnahm.

Zur Frage seiner strafrechtlichen Verantwortlichkeit hat das Ge-
richt als Sachverständigen Herrn Diplom-Psychologen Tamborini
gehört.

Der Herr Sachverständige kommt in seinen überzeugenden gutacht-
lichen Ausführungen zu dem Ergebnis, daß bei Martin die Voraus-
setzungen des § 3 JGG zu vermeinen sind. Der Junge ist in seiner
gesamten Persönlichkeit noch nicht so weit entwickelt, daß er das
Unrecht seines Verhaltens einsehen kann. Wie der Herr Sachverstän-
dige überzeugend ausgeführt hat, geschah der Diebstahl der Räder
weder in Bereicherungsabsicht noch in Aneignungsabsicht, sondern
einfach aus Angst vor dem Vater, dessen Gewalt er entrücken woll-
te. Martin hatte nur den Wunsch, möglichtst schnell von Berlin
wegzukommen, zu der Tante nach Halle zu gelangen, von der er nur
recht vage Vorstellungen hatte. Das Rad diente lediglich als Mit-
tel zum Zweck. Der Herr Sachverständige hat recht überzeugend
ausgeführt, daß in beiden Fällen des Diebstahls bei Martin nicht
die Einsicht der Strafbarkeit vorhanden war und daß sein Entwick-
lungsstand, der mehr als zwei jahre zurückliegt, ihm die nötige
Einsichtsfähigkeit nicht gibt. Der Herr Sachverständige bezeich-
net den Angeklagten als außerordentlich gehemmten und in schwie-
rigen Umweltverhältnissen groß gewordenen Jugendlichen, der in
seiner Entwicklung hierdurch sehr beeinträchtigt ist. In seinem
Wesen wirkt er lasch, ungestrafft, ohne feste Konturen, leicht
erregt. Typisch ist für ihn bei allen Themen, die ihn gefühlsmä-
ßig belasten, seine Aufregung, sein zitterndes Kinn. Ständig fin-
gern die Hände an irgend etwas herum und er erlebt förmlich
Schweißausbrüche, wie sich das Gericht auch überzeugen konnte.

In seinem Wesen wirkt Manfred [sic = Martin] belastet und unfrei. Der
Herr Sachverständige bezeichnet ihn als eine Mischung von Kindlichkeit,
Altklugheit, Angst, Verprellung, Trotz und verdrängter Aggressi-
vität. Er erlebt den Vater seit Jahren als ständige seelische Be-
lastung, erwartet aber trotzdem von ihm Hilfe und sucht in einer
etwas primitiven Art Zuflucht zu ihm, um jedes Mal durch die völ-
lig überfordernde Haltung des Vaters von neuem enttäuscht und zu-rückgestoßen zu werden. Zumindest unbewußt weiß er, daß er ohne
Hilfe von außen mit dem Leben nicht fertig werden kann.

Die Straftaten sieht der Herr Sachverständige im Zusammenhang
mit den schwer gestörten familiären Bindungen. Martin wollte
auf jeden Fall weg von zu Hause und nahm sich sozusagen das
Werkzeug dazu. Unter dem Situationsdruck handelte er blind.
[
٪ ]
Auch im Falle der Mauersteine muß eine derartige Handlungsweise
ihm unterstellt werden, da er für die Steine selbst keinerlei Ver-
wendung hatte, sondern lediglich die Sucht und der Wunsch, dem
Vater irgendwie gefällig zu sein, ihn zu dieser Handlung trieben.
[
٪ ]
Der Herr Sachverständige kommt zu dem Ergebnis, daß der Angeklagte
in seiner psycho-physischen Entwicklung nicht einem 14jährigen
gleichzusetzen ist. Die innere Not, in der dieses Kind lebt, äußert
sich darin, daß Martin sowohl dem Gutachter gegenüber als auch dem
Gericht gegenüber erklärte, er wolle keinesfalls wieder nach Hause,
und das Gericht möge doch bitte dafür sorgen, daß auch seine ande-
ren Geschwister, mindestens Adelheid und Peter, aus dem Haushalt
des Vaters wegkämen.
[
٪ ]
Der Herr Sachverständige [in seinem siebenseitigen Bericht] berichtet
noch, daß Martin anläßlich eines Besuches des Vaters im Haus Kiefern-
grund zur Überraschung des anwesenden Erziehers plötzlich einen
erbitterten Ausbruch hatte. Der Junge warf dem Vater seine Härte und
Herzlosigkeit vor. Der Vater soll völliger Überraschung hierauf
reagiert haben.

Das Gericht hat angesichts dieser überzeugenden Darlegungen des
Herrn Sachverständigen die strafrechtliche Verantwortlichkeit in-
folge des erheblichen Entwicklungsrückstandes des Angeklagten ver-
neint
.
[
٪ ]
Gemäß § 3 Satz 2 JGG wurde als Erziehungsmaßregel die Für-
sorgeerziehung zum Schutze des Jungen angeordnet
, um seine weitere
Erziehung zu gewährleisten
.

Diese Maßnahme ist erforderlich, [1.] um der zweifellos drohenden Ver-
wahrlosung dieses Jungen zu begegnen und
[2.] um andererseits seine Er-
ziehung für die Zukunft sicherzustellen
, da es an einer geeigneten
Erziehungsperson für ihn mangelt
.

[ Siehe auch
"Fürsorgeerziehung nach gesetzlichen Bestimmungen"
enthalten in §§ 64-68 JWG ( (in Kraft getreten am 09. Juli 1922)
Jungendwohlfahrtsgesetz, 1924-1933; Jungendwohlfahrtsgesetz, 1933-
1945; Jungendwohlfahrtsgesetz, 1945-1949; Jungendwohlfahrtsgesetz,
1949-1961; Jungendwohlfahrtsgesetz, 1961-1989;
Jungendwohlfahrtsgesetz, 1989-1990 ) ]


Von einer Kostenentscheidung hat das Gericht nach § 74 JGG abgesehen.


Schönfelder
_ _ _ _ _ _ _


Beglaubigt:


(Siegel)


gez. Unterschrift Justizangestellte
als Urkundsbeamter der Geschäftsstelle



[ Kommentar des Angeklagten, Martin Mitchell, 45 Jahre später:
Daß es sich in diesem Urteil, oder in der Begründung dafür, in der
Anordnung der "Fürsorgeerziehung" um eine "freiheitsentziehende
Maßnahme" verbunden mit "Arbeitszucht" oder um die Auferlegung
von Weisungen zu unentlohnten Arbeitsleistungen in der Art von
"Zwangsarbeit" im Moor
, in der Landwirtschaft oder im Straßenbau,
oder um eine richterliche Anweisung an den Schutzbefohlenen sich dem "Religionszwang" und der "Umerziehung" zum evangelisch-
lutherischen Glauben zu unterstellen
, und "körperliche Züchtigung" hinzunehmen, handelt, ist nicht daraus festzustellen. – Aber all das ist
genau das was dem
Schutzbefohlenen hiernach auf Anordnung von
"Fürsorgerinnen"
, "Diakonen" und "Pastoren" hinzugefügt wurde
und was er einfach über sich ergehen lassen musste
. Der
Schutzbefohlenebzw. der Fürsorgehäftling (zu dem man ihn gemacht
hatte)
war völlig machtlos und ohnmächtig etwas dagegen zu tun
wie die von seinen "Bestimmungspersonen" über ihn geführte Akte
(die heute aus dem Besitz der Bethel-eigenen Anstalt Freistatt kommende
Akte) jetzt eindeutig und zur Genüge zeigt
.]


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 4. Juli 2006 ]