Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Fürsorger-Vermerk vom 5. März 1962 – Landesjugendamt Berlin: Haus Kieferngrund –
betreffend den "Schüler" Martin Mitchell, der wieder
*in Haft genommen wird*,

um die "Förderung" durch "Fürsorgeerziehung"
(unter Ausschluss des Kindesvaters)
an dem "Schutzbefohlenen" fortzusetzen.


[ Der Senator für Jugend und Sport
Jugendhof
Haus Kieferngrund II
Berlin-Lichtenrade
Lützowstraße 45
Fernsprecher: 70 89 36 ]









[Durchschrift]

[ 3 bis 4 Seiten, nicht numeriert.
Dokument später als Original
datiert: Berlin, den 5. März 1962
und unterzeichnet von einem "Fürsorger" vom Haus Kiefern-grund, beim Namen Gärtne
r ]


Lajug D 2 q


V e r m e r k
|
Betr:
Martin [ M i t c h e l l ] , geb. 28.7.1946

Am [Donnerstag] 1.3.62 teilte Herr B r a n d vom Landeskriminalamt – Per-
sonenfandung – mit, daß [Mitchell] am gleichen Tage über das Polizei-
revier 299 [Berlin-Tegel] festgenommen worden ist [während er, Mitchell,
sich in Zusammenhang mit seiner begonnen Mauerlehre an der Berufschule
in Berlin-Borsigwalde hatte anmelden wollen, und dort von einem durch Zu-
fall anwesenden Jugendamt-Beamten gesichtet worden war
] und auf Grund
inzwischen eingegangenen Haftbefehls (402/252) 4 Ju. Ls 115/61 (121.61)
dem Polizeigefängnis zugeführt werden soll.

Telef. Nachfrage beim Landeskriminalamt, Herrn Brand, am [Freitag]
2.3.62 ergab, daß der Jugendliche sich im Polizeigefängnis befindet
und er im Laufe des Tages dem Amtgericht Tiergarten zur Ver-
kündung des Haftbefehls überstellt wird. Die von der Staatsan-
waltschaft übersandten Gerichtsakten (einschl. Beiakten) gehen
mit gleichem Transport ab. –

Zur Feststellung des endgültigen Verbleibs des Jugendlichen wur-
de am [Samstag] 3.3.62 durch verschiedene Telefonate folgendes in Er
fahrung gebracht:


1.



2.







3.



4.



Untersuchungshaftanstalt Moabit (Annahme/männl.):
[Mitchell] ist bisher dort nicht eingetroffen, auch nicht vorange-
meldet.

Amtsgericht Tiergarten/Aufnahmeflügel:
[Mitchell] wurde am 2.3.62 von der Polizei zugeführt und nach seiner
Vorführung vor dem Vernehmungsrichter am gleichen Tage gegen
17 Uhr auf freien Fuß gesetzt (!) – Diese Entscheidung er-
scheint absolut unverständlich, da dem Gericht bekannt sein
müßte, daß es sich bei [Mitchell] um einen entwichenen FE-Zögling
[Fürsorgeerziehungs-Zögling] handelt!

Amtsgericht Tiergarten/Vernehmungsrichter – Abtlg. 352 –:
Für diese Angelegenheit nicht zuständig, an Abtlg. 402 ver-
wiesen.

Amtsgericht Tiergarten/Geschäftsstelle 402:
Abteilung nicht besetzt (sonnabends), Auskünfte daher nicht
möglich. Herr Amtsgerichtsrat M e m m l e r nicht erreich-
bar.


Während noch versucht wurde, bei dem für den Wohnbezirk [der Eltern] zu-
ständigen Polizeirevier 298 [Berlin-Frohnau] festzustellen, ob dort bereits
einiges über [Mitchell] bekannt wurde (evtl. Meldung über Haftverschonung
etc), erschien überraschend [am Samtag Nachmittag, den 3. März 1962,
in Berlin-Lichtenrade
] der Vater mit Martin im Haus Kieferngrund II,
in seiner Begleitung befand sich ein junger Mann, der als
Bekannter vorgestellt wurde (ein gewisser Herr Werner Truhn).
Herr [Mitchell] [senior] zeigte sich anfänglich höflich und wurde von unter-
zeichnendem Fürsorger zu einer Rücksprache gebeten. Das lehnte
der Vater jedoch kategorisch mit dem Hinweiss ab, daß er nur
unter Zeugen (Martin und Bekannter) zu verhandeln gedenke.
Unter Berufung auf einen am Vortage ergangenen Haftverschonungs-
beschlusses in der laufenden Strafsache forderte er dann die
Entlassung seines Sohnes aus dem Heim. Dieses Ansinnen mußte
aber auf Grund der eindeutigen Rechtslage, wonach die im Ver-
handlungstermin vor dem Amtsgericht Tiergarten zu Aktenzeichen
408 Ds 123/61 Jug am 14.7.61 angeordnete FE [Fürsorgeerziehung] noch besteht,
abgelehnt werden. Gleichzeitig wurde dem Vater erklärt, daß Martin vorerst
im Heim [bzw. im geschlossenen Haus Kieferngrund] bleiben müsse, bis evtl.
über weitere Maßnahmen entschieden werden könne. Herr [Mitchell] [senior]
reagierte darauf sofort aggressiv, so daß der in höflicher und korrekter Form
unternommene Versuch, mit ihm in ein vernünftiges Gespräch zu kommen,
erfolglos verlief. In cholerischer Manier an seinen Sohn ge-
wandt, forderte er diesen auf, ab sofort nichts mehr zu essen
und – dem Sinne nach – die Sache durchzusetzen, wenn jetzt der
"böse Feind" über ihn komme. Danach verließ er das Heim mit der
Ankündigung, sich wegen "Freiheitsberaubung" an die Polizei
wenden bezw. Strafantrag stellen zu wollen. – Der Bekannte ver-
hielt sich während der Unterredung zurückhaltend. Er trug einen
leeren Koffer bei sich, vermutlich zum Abtransport der noch im
Heim befindlichen Privatsachen des Jungen.

Wenig später erschien im Heim eine Funkwagenbesatzung des Polizeireviers
204 [Berlin-Lichterade], um auf Grund der vom Vater veranlaßten Alarmierung
wegen "Menschenraubes" entsprechende Ermittlungen anzustellen.
Die beiden Polizeibeamten wurden anhand der Aktenunterlagen
über die Rechtslage unterrichtet und gaben sich mit den erhal-
tenen Auskünften zufrieden. –

Martin, mit dem ausführlich gesprochen wurde, zeigte sich über
die eingetretene Entwicklung recht ratlos und verstört. Ver-
ständlicherweise erschütterte ihn besonders die Eröffnung be-
züglich Fortführung der Heimerziehung. Er fühlt sich nun ent-
täuscht
; angeblich erklärte ihm der Vater vom Gericht ein Schreiben erhalten
zu haben, wonach die FE [Fürsorgeerziehung] mit Ablauf eines Monats
aufgehoben sei (!). Mit dem Vater würde das Verhältnis jetzt [viel] besser
sein, als noch vor wenigen Wochen [sic = vor 10 Monaten]. Er habe sich
auf Anraten der Großmutter wieder mit ihm ausgesöhnt
. Eine stichhaltige
Begründung für sein Fernbleiben von der letzten Beurlaubung vom Heim
[am 1. Januar 1962] wisse er nicht [sic]. Seit einiger Zeit habe er eine
Lehrstelle als Maurer
[mit Maurermeister Paul Skibbe, in der Nähe des
elternlichen Haushaltes, in Berlin-Frohnau], die er gerne behalten möchte.

In diesem Zusammenhang wäre er bereit, sich zu verpflichten, sich nicht
erneut der FE [Fürsorgeerziehung] zu entziehen, wenn er in den Jugend-
hof [Berlin-]Schlachtensee bezw. in ein Wohnheim verlegt werden könnte.

Mit [ hier fehlt, womöglich, eine vollständige Seite des Dokuments ]

Dem Jungen wurde noch einmal eingehend seine jetzige Situation
erläutert. Es wurde ihm gesagt, daß es an ihm allein läge
wie sich seine weitere Zukunft gestalte. Bestimmte Vorschläge
wären jedoch erst nach Durchführung des Strafverfahrens zu
machen (zu dem noch gerichtsmediz. Untersuchung erfolgt). –

Martin erschien soweit auch einsichtig und gab zu erkennen,
wie peinlich es ihm sei, den aus der Rolle fallenden Vater
miterlebt zu haben und jezt zwischen diesem und dem Heim
zu stehen.

Der zum Gespräch herbeigerufene 1. Erzieher des Hauses, Herr
R u d o l p h, übernahm anschließend den Jungen zur weiteren
Betreuung.


Berlin, den 5. März 1962

gez. G ä r t n e r
[ "Fürsorger" ]


Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 20. Juni 2006 ]