Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Durchschrift eines längeren Schreibens vom Landesjugendamt Berlin –
Senator für Jugend und Sport – "Fürsorgerin" Frau Dröge, vom 23. Januar 1963,
an das Kreisjugendamt Pirmasens in Rheinland-Pfalz, betreffend den
"
Fürsorgehäftling" Martin Mitchell, den sie überhaupt nicht persönlich kennt
und dem sie noch nie begegnet ist. Frau Dröge setzt sich dafür ein,
dass ihm, dem "
Fürsorgehäftling", eine Gefängnisstrafe auferlegt wird,
die nicht auf Bewährung ausgesetzt werden sollte, aber zu verbüsen sei.


Durchschrift

Der Senator für Jugend und Sport
Landesjugendamt

III D 1 b – Ni 280746 –

1 Berlin 30, den [23.] Januar 1963
Am Karlsbad 8
Fernruf: 710511, App.
200
Querverb. 9651
200


An das
Kreisjugendamt

P i r m a s e n s
[ Rheinland-Pfalz ]



Betr.: Martin [ M i t c h e l l ] , geb 28.7.1946
z.Z. U-Gefängnis Zwei-Brücken
Bezug: Aktz. 452-20 – Ihr Schreiben vom 21.1.1963

Ich danke Ihnen für die Übersendung des Berichtes des Gendarmerie-
Kommandos vom 12. Januar 1963 und teile Ihnen folgendes mit:

Martin [Mitchell], dessen Vater Johann [Mitchell] mit seiner zweiten Ehefrau
und den Kindern aus zweiter Ehe am 2, November 1962 nach Australien
ausgewandert ist, untersteht auf Grund einer im Urteil des Amtsgerichts
Tiergarten – Aktenzeichen 408 Ds 123/61 Jug. – vom 14. Juli 1961
angeordneten Fürsorgeerziehung meiner Betreuung. Die elterliche
Gewalt wurde dem Vater, einem außerordentlich schwierigen, queru-
latorischen Menschen entzogen und dem Jugendamt Berlin-Reinickendorf
übertragen. Die Mutter verstarb 1947.

Martin befand sich nach Anordnung der Fürsorgeerziehung vorerst im Jugend-
hof [in Berlin-Schlachtensee], dem hiesigen Erziehungsheim, entwich von dort
aber und wurde vom Vater versteckt gehalten [sic], bis es gelang, ihn mit einem
Gerichtsvollzieher wieder in das Heim zurückzuholen [sic]. Um ihn [den Für-
sorge
häftling] dem schädlichen Einfluß des Vaters zu entziehen, wurde er [um
umständliche Grenzformalitäten zu vermeiden (weil er ja staatenlos ist und daher
keinen Personalausweis besitzt), per Lufttransport aus West-Berlin abtransportiert
und
] in das [von der Inneren Mission betriebene evangelisch-lutherische]
Burschenheim Beiserhaus in Rengshausen, Bezirk Kassel [in Hessen] verlegt.
[
٪ ]
Da er auch dort verschiedendlich entwich, wobei er mehrfach straffällig
wurde [sic], sollte er in die Betheler Anstalten, Freistatt [im Wietingsmoor], ver-
legt werden. Er entzog sich der Verlegung wieder durch Flucht und
war seit dem 27. September 1962 unbekannten Aufenthalts.

Martin [Mitchell] wurde mehrfach straffällig.
[
٪ ]
Die Fürsorgeerziehung wurde [am 14.07.1961] vom Jugendgericht gemäß
$ 12 JGG wegen Diebstahls angeordnet [sic]. Ein weiteres Strafverfahren wegen
Diebstahls
[sic] wurde im Hinblick auf die Fürsorgeerziehung eingestellt [sic].
[
٪ ]
Im Termin vom 2. April 1962 wurde er [der Fürsorgehäftling Martin Mitchell
vom Amtsgericht Tiergarten in Berlin – Jugendgericht –
] wegen
gemeinschaftlichen schweren Diebstahls [nach einer Entweichung vom Jugendhof
in Berlin-Schlachtensee zusammen mit seinem Freund Dieter W[........], ausgelöst
durch Mobbing und Bedrohung der beiden von Seiten anderer dort unterge-
brachter gewalttätiger Jugendlichen
] 15 Tagen Dauerarrest verurteilt.
[
٪ ]
Im [Burschenheim] Beiserhaus [in Rengshausen, Bezirk Kassel, in Hessen] entwendete er einem Erzieher [während einer Entweichung von dort am 05.09.1962] ein Fahrrad (Polizeiliche Vernehmung vom 17. September 1962
bei der Landespolizei-Station Rotenburg/F, [in Hessen]);
[
٪ ]
außerdem stahl er in Hamburg ein Rad [sic = auf keine Weise belegt ! ].
[
٪ ]
Ein Ermittlungsverfahren schwebt [in Hessen] – [wegen dem Fahrrad das er einem Erzieher in Rengshausen entwendete] – bei der Oberstaatsanwaltschaft Kassel, Eugen Richter-Str. 10 – Aktz.: 35 Js 1110/62, welche Durchschrift
dieses Schreibens erhält.
[
٪ ]
Es wäre zu empfehlen, wenn möglich, dieses Verfahren [in Hessen] mit dem in
Zwei-Brücken [bzw. in Pirmasens, Rheinland-Pfalz] anhängigen zu verbinden.
[
٪ ]
Martin [Mitchell] hat nach meinen Erfahrungen bisher allen wohl-
gemeinten Erziehungsmaßnahmen gegenüber nur Opposition gezeigt.
[
٪ ]
Er [der Fürsorgehäftling Martin Mitchell] ist ein willen- und haltloser
Jugendlicher, der stehts die Ursachen für sein Versagen anderen zuschiebt.
[
٪ ]
Ich habe starke Zweifel, ob er mit den Mitteln der Fürsorgeerziehung zu
ändern ist, werde diese aber nach Haftentlassung weiterführen, zumal
der Jugendliche erst 16½ Jahre alt ist.
[
٪ ]
Am Vorhandensein schädlicher Neigungen ist meines Erachtens aber nicht
zu zweifeln, so daß ich empfehlen würde, für eine Jugendstrafe [bzw. Jugend-
gefängnis-Strafe
] zu plädieren, die nicht zur Bewährung ausgesetzt werden sollte.
[
٪ ]
Wenn Martin [vom dortigen Jugendgericht] entlassen werden sollte, bitte ich,
seine Zuführung [der Fürsorgehaft] in die Betheler Zweiganstalten, [Anstalt]
Freistatt [im Wietingsmoor] über Sulingen, auf meine Kosten vorzunehmen,
mit welchen Sie sich bitte vorher telefonisch in Verbindung setzen wollen.
Das Heim [bzw. die Erziehungsanstalt / Arbeitszwangsanstalt / Bewahrungs-
anstalt
] erhält Durchschrift dieses Schreibens.

Ich bitte Sie, in diesem Fall für mich im Wege der Amtshilfe
tätig zu sein und danke Ihnen schon jetzt für Ihre Bemühungen.
Ihrer weiteren Benachrichtigung sehe ich entgegen.



Im Auftrage

D r ö g e
[ "Fürsorgerin" ]



Die Nutzung eckiger Klammern für spezifische Zwecke ist international: eckige Klammern werden benutzt um zu kennzeichnen, dass ein Wort oder einText so eingeklammert, nicht im zitierten oder reproduzierten Original vorhanden ist, aber zur besseren Erklärung hinzugefügt worden ist.

»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

Zur Hervorhebung – fette, kursive und farbige Schrift vom hiesigen Webseitenbetreiber hinzugefügt.

Das Original oder die Durchschrift der jeweilig hier aufgeführten Reproduktion der Freistätter “Fürsorgeakte” entnommenen Dokumente, wird auch demnächst eingescannt und hier als php-file abgebildet werden.

[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 4. Juli 2006 ]