Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Durchschrift eines längeren Schreibens vom Landesjugendamt Berlin
– Senator für Jugend und Sport – vom 22. April 1963, an Martin Mitchell
im "Haus Neuwerk" in Anstalt Freistatt im Wietingsmoor
(Niedersachsen).
Zögling wird "noch für einige
[unbestimmte] Zeit in Freistatt verbleiben" müssen,
wird ihm vom seiner
(ihm unbekannten) "Fürsorgerin" Frau Paasch mitgeteilt.


Durchschrift

[ Der Senator für Jugend und Sport
Landesjugendamt ]

III D 21

1 Berlin 30, den 22. April 1963
[ Am Karlsbad 8
Fernruf: 710511, App. Neue Rufnummer
Querverb. 9651→←13 01 6: (Intern 976)


App. Nr. 849 ]



Herrn
Martin [Mitchell]
in der Anstalt Freistatt

2839 Freistatt über Sulingen




Lieber Martin!

Sie haben in der Zwischenzeit eine ganze Reihe von Briefen an
mich geschrieben, und ich komme erst heute dazu, Ihnen diese zu
beantworten. Ich hoffe, daß Sie sich in der Zwischenzeit ein
weinig in Freistatt eingelebt haben, soweit das den Umständen
entsprechend möglich ist, und sie gleichzeitig ein wenig Gele-
genheit gefunden haben über sich und Ihre Zukunft, auf jeden
Fall über Ihre bewegte Vergangenheit, nachzudenken.
[
٪ ]
Leider ging bisher aus Ihren Zeilen nur hervor, welches Unrecht Ihnen
die ganze Welt antut, und ich konnte nie ein Wort Ihrer Einsicht
um die Bemühungen der für Sie verantwortlichen Erwachsenen er-
kennen.
[
٪ ]
Wie Sie aus meinem Entschluß, Sie nach Freistatt zu ver-
legen, entnehmen mußten, war ich nicht länger gewillt, das Hüh
und Hott von Ihnen mitzumachen. Sie müßen sich nun darüber klar
werden, daß Sie im Rahmen der angeordneten Fürsorgeerziehung mei-
ner Betreuung und Weisung bis zu Ihrem 21. Lebensjahr unterstehen.
Mir obliegt in der Ausübung dieser Fürsorgeerziehung für Sie eine
große Verantwortung, und das Ziel meiner Betreuung wäre eine ab-
geschlossene Lehre in einem ordentlichen Beruf. Nur nach Bendi-
gung dieser Lehre wäre ich bereit, die Fürsorgeerziehung vor Ih-
rem 21. Lebensjahr zu beenden. Sollten Sie dieses Ziel unter Auf-
wendung Ihrer ganzen Kraft erreichen, so steht es Ihnen frei,
ebenfalls nach Australien auszuwandern oder anderweitig Ihre Zu-
kunft zu planen. Aber das ist nur ein Vorschlag von mir, und bis
dahin liegt es jetzt bei Ihnen, endgültig zum letzten Mal unter
Beweis zu stellen, daß Sie als begabter, junger Mann auch in der
Lage sind, Ihren Verstand in guter Weise zu nutzen.
[
٪ ]
Es steht beim Amtsgericht Sulingen [ auf Grund des Diebstahls,
Ihrerseits, (1.) eines Fahrrads des Gruppenerziehers Schmidt aus
einem Werkstattgebäude, am 5. September 1962, im Burschen-
heim "Beiserhaus" Rengshausen bei Kassel, in Hessen; während
Ihres Entweichens von dort und (2.) auf Grund des Diebstahls,
Ihrerseits, eines alten Mantels und einer zerschlissenen Jacke,
irgendwo aus einer Scheune zwischen Freistatt und Minden, in Nieder-
sachsen, am 26. Februar 1963, während Ihres Entweichens aus "Haus
Moorhort" in Freitatt
] für Sie erneunt ein Termin an, und das dort
beschlossene Urteil wird sehr richtungsweisend für Ihre Zukunft
sein.
[
٪ ]
Ich denke, Sie sind sich darüber klar, daß Sie durchaus
mit Anordnung einer Jugendstrafe zu rechnen haben. Es gibt
aber auch dabei verschiedene Möglichkeiten der Vollstreckung, und
ich kann erst nach dem Urteil genauer dazu Stellung neh-
men. Auf jeden Fall werden Sie noch für einige Zeit in Freistatt
verbleiben, um mir zu zeigen, wie ernst es Ihnen um eine evtl.
Lehre, die nur mit einer Verlegung aus Freistatt verbunden wäre,
ist.

Zum Zeichen, daß es einem Menschen unter der Betreuung einer
Jugendbehörde möglich ist, eine gute Entwicklung zu nehmen, sollte
Ihnen das Beispiel Ihres Bruders zeigen [mit dem Sie auf meine
Anweisung hin keinen Kontakt haben, und dessen Aufenthaltsort
Ihnen nicht bekannt ist
]. [Ihr Bruder] Peter und auch [Ihre Schwester]
Adelheid leben jetzt beide in Berlin, und ich konnte Peter aus meiner
Betreuung entlassen, so daß er nur noch seinem Vormund unterstellt
ist. Das gute Verhältnis zu seinem Fürsorger, Herrn Klotz, im
Jugendamt Reinickendorf, hilft Peter sicherlich über viele Schwie-
rigkeiten hinweg. Sollte es Ihnen angenehmer sein, so könnten auch
Sie sich vertrauensvoll an Herrn Klotz wenden. Entscheidende Maß-
nahmen müssen zwar weiterhin von mir getroffen werden, was aber
bei einer guten Zusammenarbeit mit Herrn Klotz durchaus auch auf
diesem Wege möglich wäre.

Lieber Martin! Sie sehen an der Länge meines Briefes, daß es mir
wirklich eine Herzensangelegenheit ist, Ihnen den rechten Weg zu
zeigen. Ich bin der Überzeugung, daß ich sicher etwas weiter sehe,
als es Ihnen jetzt möglich ist, und ich denke, daß Sie sich durch
meine Zeilen ein wenig raten lassen. Nach Regelung des Urteils
vom Amtsgericht Sulingen werde ich Ihnen erneut und bestimmt ziel-
sicherer schreiben können.
[
٪ ]
Für heute grüße ich Sie aus Berlin



Ihre Fürsorgerin vom Landes-
jugendamt

P a a s c h
[ "Fürsorgerin" ]





An die
Anstalt Freistatt

2839 Freistatt über Sulingen




Anbei übersende ich Ihnen eine Durchschrift meines Schreibens an
Martin [Mitchell] zur gef[älligen] Kenntnisnahme und Verbleib.




Im Auftrage
P a a s c h
[ "Fürsorgerin" ]


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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 20. Juni 2006 ]