Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Dringender Ersuch vom 1. Oktober 1963 von Hausvater Kalus – Haus Neuwerk –
an die Anstaltsleitung der Anstalt Freistatt im Wietingsmoor (“Moorkanzlei”),
den jugendlichen “Unruhestifter” Martin Mitchell
der, anstatt sich zu fügen, sich immer nur mit Entweichungen befaßt, zu entlassen.

Haus Neuwerk [ im Areal der Anstalt Freistatt, bestehend aus vier Häusern, bzw. Gruppen ]


Freistatt, den 1. Oktober 1963


An die
K a n z l e i . [ Moorkanzlei Freistatt ]

[ ANSTALT FREISTATT
im Verband der Anstalt Bethel

2839 FREISTATT
über Sulingen
Niedersachsen
Bundesrepublik Deutschland
]



Betr.
: Martin [ M i t c h e l l ] , geb. 28.7.1946

Wegen der wiederholten Entweichungsabsichten und Entweichungen
verweisen wir auf die Berichte bis zum 10.7.63 in der Akte.
Vor Tagen wurden wir durch einen Brief, den Martin illegal
hinausgeschmuggelt hat, davon unterrichtet, daß er einen Aus-
bruch mittels einer Eisensäge geplant hatte (s. anliegenden Brief
an einen ehemaligen Kolonisten in Freistatt). Martin wurde zur
Besinnung mit einem dreitägigen Gemeinschaftsentzug belegt.
In
diesen Tagen stellte sich heraus, daß er mindestens gesprächs-
weise an einer Entweichungsplanung mehrerer Jungen beteiligt war.
Da Martin die Neigung hat, abzustreiten und zu lügen, solange man
ihm nichts beweisen kann, haben wir begründeten Verdacht, daß er
sich an einer Entweichung mehrerer Jungen vom Arbeitsplatz aus
[ d. h. also, aus dem Moor ] beteiligen wollte.

Wir haben schon im Juni vorgeschlagen, Martin nach Australien
gehen zu lassen. Die Antwort des Landesjugendamtes Berlin vom
12.7.63 wurde uns nie zugestellt. Wir fanden sie heute über-
raschenderweise in der Akte, die wir uns von der Kanzlei aus-
gebeten hatten. Das Landesjugendamt Berlin macht es sich leicht
mit seiner Begründung dafür, Martin weiter in Freistatt zu be-
lassen. [ Mitchell ] wird, solange er hier ist, auch wenn er in ein
drittes Haus verlegt würde, immer wieder der Drehpunkt sein,
an den neu zu uns kommende Jungen sich wenden würden, um Ent-
weichungsmöglichkeiten zu ventilieren bezw. um zu entweichen.
Seine Rücksichtslosigkeit ist offenkundig; er wird uns in unserer
Arbeit an anderen Jungen stets im Wege sein. Im Interesse unserer
Arbeit und im Interesse der anderen Jungen unserer Häuser bestehen
wir darauf, daß Martin in das Berliner Erziehungsheim Druhwald
verlegt wird.
Da das Landesjugendamt Berlin uns im Falle Bernd

K[...] monatelang hat aufsitzen lassen, bitten wir, unseren Antrag
auf Verlegung mit der Nennung eines kurzfristigen Termins zu
verbinden, um so dem Landesjugendamt Berlin die Möglichkeit zu
nehmen, sich auszuschweigen.


Mit freundlichem Gruß
K a l u s
[Diakon] [Artur] (Kalus)
Hausvater

Anlagen:
Brief von [Vater des Mitchell]
Akte [des Martin Mitchell ]



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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 30. Mai 2006 ]