Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Bericht vom Anstaltsleiter von Anstalt Freistatt Pastor Karl-Heinz Lähnemann,
vom 26. Juni 1963, worin er – sich dem Hausvater von "Haus Neuwerk",
Diakon Artur Kalus anschliessend – unter anderem, vorschlägt
den "
Fürsorgehäftling" Martin Mitchell – dessen Wünschen entsprechend –
zu seinen Eltern nach Australien auswandern zu lassen.


[ ANSTALT FREISTATT
im Verband der Anstalt Bethel ]

[ Anstaltsleiter von 1954 - 1979
Pastor Karl-Heinz Lähnemann
]


[ 2839 FREISTATT
über Sulingen
Fernruf: Barver 221
Bankkonto: Kreisparkasse Sulingen 54
Postscheckkonto: Hannover 56581 ]


[ Durchschrift ]


T 3X




26. Juni 1963

An den
Senator für Jugend und Sport
–Landesjugendamt–

1 B e r l i n 30
Am Karlsbad 8


Betr.:
Martin [ M i t c h e l l ], geb. 28.7.1946
Bezug: Dort. Schr. v. 14.5.63 III D 2 l

Es wird von dort [vom Landesjugendamt Berlin aus] um einen weiteren
Bericht über [den "Fürsorgehäftling"] Martin [Mitchell] gebeten.
Wir verweisen auf unsere Zeilen vom 6.3.d.J. Inzwischen hat Martin
[seinen vierwöchigen ihm von dem Jugendschöffengericht in Sulingen, am
26. April 1963 auferlegten
] ["]Dauerarrest["] – AG Sulingen v. 26.4.63 –
9 Ls 12/63 – vom 13.5.63 bis 10.6.63 im Heim Neuwerk [bzw. in völliger
Isolation
in einer vollständig leeren Zelle in unserer Anstalt Freistatt**] verbüßt.
Der Freiheitsentzug hat ihn nicht so stark beeindruckt, wie die zugeteilte
Essenmenge [bzw. weitgehend nur Wasser und Brot, das er während dieser
Zeit von uns erhielt !
], denn Martin ist ein starker Esser.
[
٪ ]
Zwar gibt sich der Junge Mühe, den Anordnungen der Heimleitung nachzu-
kommen, doch steht er noch in Opposition zu den Erwachsenen. Häufig
wiederspricht er, lenkt aber auch aus seinen Erfahrungen [mit vorherigen ihm auferlegter Bestrafungen und "körperlichen Züchtigungen"] ein. Bei der
Verrichtung der Arbeit ist er gründlich aber langsam. Ein Wettbewerb unter
den Jugendlichen [bzw. ihm, wie auch ebenfalls den anderen
"Fürsorgehäftlingen", aufgezwungene Akkordarbeit, im Moor, in der
Landwirtschaft
, im Garten, im Straßenbau oder im Hausbetrieb, im Laufschritt] vermag ihn jedoch anzuspornen.
[
٪ ]
Im Blick auf sein verhalten zu den anderen Jungen muß man ihn noch
als Einzelgänger bezeichnen. Er hat niemanden, mit dem er sich besser
verstünde.
[
٪ ]
Seine Freizeit verbringt er ausschließlich im Leseraum [die einzige Nicht-raucherzone; wo auch absolutes Sprechverbot herrscht – ] und liest und schreibt.
[
٪ ]
Er hat aber auch Freude am technischen Zeichnen.
[
٪ ]
Bezüglich Ordnung und Sauberkeit können wir uns nicht über ihn
beklagen
.
[
٪ ]
Bis vor einiger Zeit äußerte er den Wunsch,in Berlin Maurer zu werden.
Nachdem ihm sein Vater [der seit dem 2. November 1962 mit seiner 2. Frau
und drei Kindern aus zweiter Ehe in Australien wohnt
] über das australische Konsulat aufgefordert hat, nach Australien zu kommen, möchte er
am liebsten sofort abreisen.

Martins Verhalten zur Umwelt wird von Opportunismus bestimmt.
Er steuert sich weitgehend über den Verstand [Na so was!]. Nach
seinen Anlagen und Trieben möchte er ganz sicher lieber etwas anders tun,
als in geordneten Bahnen zu leben. Es ist der Ueberlegung wert,
ob es nicht das Richtige wäre, Martin nach Australien auswandern
zu lassen.

Die Anstaltsleitung
[ L ä h n e m a n n ]


, Pastor
Lähnemann


[**Nur eine Bible tagsüber und ein Faltbett des Nachts waren ihm erlaubt während des "Dauerarrests".]


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»Das Symbol "sic" kommt aus dem Lateinischen und nach Aussage des DUDEN bedeutet "so, ebenso; wirklich so ! (mit Bezug auf etwas Vorangegangenes, das in dieser [falschen] Form gelesen oder gehört worden ist)".« Das hier in eckigen Klammern gesetzte Wort, steht genau so in diesem vom DUDEN zitierten Text.

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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 12. Juli 2006 ]