Der Betreiber dieser nichtkommerziellen Webseite ist der hoch-engagierte Martin Mitchell in Australien (ein ehemaliges “Heimkind” in kirchlichen Heimen im damaligen West-Deutschland)

Zweiseitiger Bericht vom 5. Juli 1963, den der Fürsorgezögling Martin Mitchell,
während er in der Klabause war, von Hausvater Kalus, Haus Neuwerk in Anstalt Freistatt
genötigt wurde, über seine am Vortage begangene Flucht
und darauffolgende Wiedergefangennahme, zu schreiben.
( Martin Mitchell nutzte dann aber sofort, wiederum, diese Gelegenheit, dem Leser, nochmals,
seinen Verdruß über seine Gefangenschaft und Knechtschaft in Anstalt Freistatt, klar zu machen.
)

[ Klabause ] [ Abteilung 1 - Haus Neuwerk ]

[ Anstalt Freistatt ]

[ Seite 1 ]


Freistatt, 5. Juli 63

Ich entwich am 4. Juli 63 aus dem Haus Neuwerk.
Ich nutzte die Gelegenheit als ich zum Zahnarzt
ging. Ich rannte auf und davon. Zwei Jungen rannten
mir hinterher. Der eine holte mich nach einer ganzen
Weile ein. Er wollte mich wieder zurückbringen aber ich
fragte ihn was er davon habe. So einigten wir uns
und gingen zusammen. Wir gingen durch Wiesen
und Felder und als es schon dämmrig wurde die Bundes-
straße nach Sulingen. Von dort wollten wir nach Bremen.
Ich bin entwichen weil ich unbedingt nach Hause will
und ich hätte bestimmt Mittel und Wege gefunden es
zu schaffen.

Als man mich in Sulingen erwischte hab ich mich
deshalb gewehrt weil ich nicht mehr nach Neuwerk
wollte; ich wollte überhaupt nicht mehr ins Heim.

Warum hat man mich nicht schon längst zu meinen
Eltern gelassen? Warum verweigerte man mir mitzureisen
als mein Vater auswanderte?

Ich kann es nicht verstehen, daß man nicht einsieht,
daß ich an meinen Eltern hänge. Ich habe Heimweh!
Ich will nach Hause! Kann denn das niemand
verstehen? Aber anscheinend sitzen auf dem Jugendamt
nur Leute mit steinernen Herzen ohne Liebe.

Ich möchte jetzt endlich Klarheit haben. Es wird immer
um den heißen Brei geredet. Ich will endlich wissen
wann ich hier rauskomme und wohin; und ob man
mich zu meinen Eltern läßt. Ich bin kein Geduldsmensch.

[ Seite 2 ]



Warum schiebt man alles auf die lange Bank?
Wenn nicht heute, morgen ist auch noch ein Tag;
das Jahr ist lang.

Ich möchte jetzt möglichst eine schriftliche Erklärung
vom Jugendamt haben, daß ich in Kürze entlassen
werde. In Kürze ist aber nicht im Oktober oder später
sondern recht bald, vielleicht in einem Monat.

Ich möchte auch schriftlich bestätigt haben, daß man
mich sofort nach meiner Entlassung zu meinen
Eltern läßt und mich sogar darin unterstützt
so schnell wie möglich nach Australien zu kommen.

Ich weiß, daß ich nichts zu verlangen habe und
glaube auch nicht im geringsten daran, daß diesen
meinen Wünschen entsprochen wird; man kann ja
mit mir machen was man will bis zu meinem 21.
Lebensjahr. Ich weiß schon jezt, daß das Jugendamt
nie meinen Wunsch respektieren wird, daß ich zu
meinen Eltern möchte. Anstatt das Jugendamt froh
ist mich los zu sein, reißt es sich ja geradezu danach
mich in ihrer Gewalt zu behalten.

Aber eins steht für mich fest: sollte man nicht meinem
Wunsch entsprechen, ich werde alles versuchen um
hinüberzukommen und ich werde mir mein Recht ver-
schaffen. Ich fühle mich im Recht aber habe leider
niemand der mir zu meinem Recht verhilft.*

Ich will nach Hause! Raus aus der Knechtschaft!
Ich durste nach Freiheit!

[ Nachtrag ]



*Ich werde nicht vergessen wie ich durchs Jugend-
damt gelitten habe. Ich bin nachtragend genauso
wie man mir gegenüber nachtragend ist. Hat mir
je schon jemand etwas verziehen außer meinem Vater?
Mein Vater hat mir alles verziehen und wir haben
uns wieder vertragen, aber das Jugendamt hat
unsere Familie zerrissen!


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[ Erstveröffentlichung auf dieser Webseite: 30. Mai 2006 ]